Von Stojan Cerović

Belgrad

Der Krieg in Bosnien droht mit dem totalen Untergang der dortigen Bevölkerung zu enden. Die innere Balance zwischen den Mächten, die Verteilung von Territorien und Volksgruppen ist so, daß keine Partei erwarten kann, zu gewinnen und eine dauerhafte, stabile Kontrolle über das von ihr eroberte Land durchzusetzen. Zudem sind die Leidenschaften derart aufgeheizt, daß der Krieg noch Jahrzehnte weitergehen kann.

Serben und Kroaten nähern sich – dank der Hilfe ihrer neuen Republiken – dem Ziel, Bosnien aufzuteilen. Die bosnischen Serben sind mit den qualitativ hochwertigen Waffen ausgestattet, die die frühere jugoslawische Volksarmee zurückließ; die Kroaten konnten ganze Kompanien übernehmen. Hingegen waren die Muslime nicht auf diesen Krieg vorbereitet – ihr Wunsch, Bosnien als einen Drei-Völker-Staat zu erhalten, ist durch die "ethnischen Säuberungen" zerplatzt. Sie erreichen inzwischen die Dimension eines Völkermordes. Nunmehr glauben alle, daß es zu spät sei, Bosnien noch zu retten; ein anderer Staat werde an dessen Stelle treten. Doch es ist unmöglich, einen neuen Staat, der aus Gewalt und Verbrechen entstanden ist, als Fait accompli zu akzeptieren. Dies würde einen Präzedenzfall schaffen, der in der Welt ohne Beispiel wäre und würde jeden neuen Milošević ermutigen, bestehende Landesgrenzen in Frage zu stellen.

Auf der Genfer Konferenz über Jugoslawien lag ein Entwurf einer neuen bosnischen Verfassung vor. Empfohlen wird darin, einen bosnischen Staat mit sieben bis zehn Regionen zu schaffen – aufgeteilt nach flexiblen ethnischen Kriterien, da nach Volksgruppen streng getrennte Regionen dort ohnehin unmöglich sind. Das Risiko einer gewaltsamen Änderung der Grenzen ist somit endlich erkannt. Es wurde eine Lösung vorgeschlagen, die für alle gleichermaßen akzeptabel sein soll – doch damit gleichzeitig undurchführbar wird.

Denn das Problem dieser gerechten Lösung liegt darin, daß sie den Kriegsparteien aufgezwungen werden muß, wobei nicht einmal klar ist, durch wen und wie dies erfolgen soll. Mit Ausnahme einer militärischen Intervention hat das Ausland eigentlich alles probiert. Das Problem scheint also bis zu einem Sturz der Regierungen in Belgrad und Zagreb unlösbar. Doch dafür ist die Zeit noch nicht reif, der Krieg in Bosnien stärkt die halbfaschistischen Regierungen Serbiens und Kroatiens.

Vielleicht gibt es dennoch einen kleinen Hoffnungsschimmer: Sowohl Serbien als auch Kroatien sind wirtschaftlich ruiniert. Kroatien ist durch den Krieg und Serbien durch den Beginn von Kämpfen auf dem eigenen Territorium unter starken Druck geraten. Eine Niederlage beider Staaten in Bosnien und der Verzicht auf alle Gebietsansprüche wäre die beste Lösung für alle Parteien. Bosnien könnte so erhalten bleiben – das wäre auch das einzig realistische Ergebnis.

  • Stojan Cerovic ist politischer Redakteur der unabhängigen Belgrader Wochenzeitschrift Vreme..