Von Christoph Keller

Wenn Sie zu uns kommen, vergessen Sie alles, was Sie in allen Theatern zu sehen gewohnt sind." Es hat lange (für sowjetische Begriffe leider nicht ungewöhnlich lange) gedauert, bis wir der Einladung, die dem Manifest der späten Leningrader Avantgarde-Gruppe Oberiu entnommen ist, endlich nachkommen können. Ins Theater müssen (dürfen) wir nicht, verstand es doch Oberiu, dieses buntscheckige Kollektiv von unbelehrbaren Einzelgängern, als eine seiner Aufgaben, die literarischen Genres zu enthierarchisieren und deren Grenzen, insbesondere jene zwischen Lyrik und Dramatik, aufzulösen.

Peter Urban, der begnadete Übersetzer, der schon Daniil Charms für den deutschen Sprachraum entdeckt hat, gibt nun im Schreibheft 39 die erste deutschsprachige "Anthologie" der Oberiu heraus. Teil I wartet mit einer Fülle von Texten unterschiedlichster Oberiu-Protagonisten auf: von den hierzulande bereits bekannten Dichtern wie Alexander Vvedenskij oder Daniil Charms über den jetzt erstmals übersetzten – und unüberschätzbar wichtigen – Konstantin Vaginov bis zu Lyrikern wie Vladimir Sterligov und Nikolaj Olejnikov. Die (Wieder-)Entdeckung der letzteren muß sich fast ausschließlich auf die Nennung ihres Namens in dem ihnen gebührenden Kontext beschränken, da ihre Werke kaum erhalten sind. Das Schicksal der Werke war oft genug jenes ihrer Schöpfer: Charms – (vermutlich) 1942 im Gefängnis verhungert. Olejnikov – 1937 erschossen. Vvedenskij – 1941 unter ungeklärten Umständen gestorben. Immerhin, der 1908 geborene Igor Bachterev lebt noch immer in Sankt Petersburg. Oder wieder.

Im Herbst 1927 verkündet Daniil Charms seinen Mitstreitern, der Direktor des Leningrader "Hauses der Presse" habe ihnen angeboten, den bestehenden "schöpferischen Sektionen" beizutreten. Bedingung war, daß sich die Gruppe einen Namen gab, der keinen neuen Ismus ins Leben ruft und in dem das Wort "links" nicht vorkommt. Oberiu – auch für russische Begriffe ein eigenartiges Wort –, die "Vereinigung der realen Kunst", erfüllte diese Bedingungen. Doch bereits in dem im Januar 1928 publizierten Manifest der Vereinigung (welches im übrigen ihre einzige Publikation blieb) wimmelt es von dem ungeliebten Wort: "Oberiu tritt heute an als ein neues Kommando der linken revolutionären Kunst." Darunter verstanden die Gründungsmitglieder der kurzlebigen Gruppe Charms, Vvedenskij, Vaginov, Bachterev, Levin und Nikolaj Zabolozkij, dem das Manifest zur Hauptsache zugeschrieben wird, die Suche "nach einer organisch neuen Weltsicht und einem neuen Zugang zu den Dingen. Oberiu verbeißt sich ins Innerste des Wortes."

Die reale Geschichte der Oberiu ist erwartungsgemäß kurz. Erste Zerfallserscheinungen zeigten sich bereits Anfang 1928, nachdem die Gruppe mit der Publikation ihres Manifestes und ihrer einzigen großen Veranstaltung "Drei linke Stunden" – darin die Uraufführung von Charms’ Drama "Elisaveta Bam" – im Januar 1928 mit ihrem Start zugleich ihren Höhepunkt hatte. Der im Herbst 1929 geplante Almanach "Die Wanne des Archimedes", an dem sich einige namhafte Formalisten wie Viktor Sklovskij und Boris Ejchenbaum beteiligen wollten, kam nie zustande. Im April 1930 gab die Gruppe in einem Wohnheim der Leningrader Universität ihr letztes "Literatur-Konzert". Kurz darauf veröffentlichte die "Wachablösung" einen im Rap-Stil verfaßten Artikel, der der Gruppe den Todesstoß versetzte. Überschrift: "Reaktionäre Jongleurkünste. Ein Anschlag literarischer Rowdies". Eigentlich ist das, wäre diese Zeit etwas mehr zum Spaßen aufgelegt gewesen, fast ein Kompliment.

Bleibt nur der Nachlaß. Peter Urban gebührt das Verdienst, die Oberiuten für den deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht zu haben. Wie Irrlichter tauchen die Publikationen der Oberiuten immer wieder auf, angefangen mit jenem schmalen S.-Fischer-Bändchen "Fälle" (1970) von Daniil Charms bis zu den Veröffentlichungen der Friedenauer Presse von Alexander Vvedenskij und Daniil Charms ("Die Kunst ist ein Schrank", gerade erschienen).

Ein Oberiute, der eigentlich keiner war (irrlichterte er doch von Gruppe zu Gruppe, von der Dichtergilde zu den Insulanern, von der Klingenden Muschel zu Oberiu, um Ende der zwanziger Jahre festzustellen: "Das alles brauche ich nicht mehr ... ich will allein arbeiten"), war der unstete Geist Konstantin Vaginov. Für den 1899 geborenen Schriftsteller, dessen deutsche Vorfahren Wagenheim hießen, war das Leben eine "Reise ins Chaos". Das war gleichzeitig der programmatische Titel seines ersten Gedichtbandes von 1921, in welchem er das vom Kriegskommunismus zerstörte Petrograd verarbeitete. Dennoch verlief sein Schicksal anders als jenes der Oberiu-Gefährten. Seine Romane "Bocksgesang" (1927), "Werke und Tage des Svistonov" (1929) und "Bambotschada" (1931) konnten alle noch zu seinen Lebzeiten erscheinen, während den Autor ein bitteres posthumes Schicksal ereilte: Nachdem Vaginov 1934 an Tuberkulose gestorben ist, wird, aufgrund des bereits gegen ihn ausgestellten Haftbefehls, seine Mutter festgenommen.

1992 scheint Vaginovs deutsches Jahr zu sein, nachdem seine vier Romane in Rußland endlich erscheinen konnten: Seine beiden mythischen, an antiken Autoren orientierten Erzählungen erschienen unter dem Titel "Der Stern von Bethlehem" (welche auch im Schreibheft enthalten ist), und auch sein wichtiger zweiter Roman "Werke und Tage des Svistonov" wird endlich zugänglich gemacht. Dieser sehr experimentelle und doch sehr leicht zu lesende Text ist das Paradebeispiel für einen Roman, der die Entstehungsgeschichte eines Romans erzählt. Der Leningrader Schriftsteller Svistonov lebt sein Leben nur nach dessen Literaturfähigkeit, so wie Kuku, den er zur Hauptperson des "Romans im Roman" macht, sein Leben wiederum nach literarischen Vorbildern (etwa Puschkin und Goethe) lebt. Das Leben des Svistonov besteht lediglich in der Stoffsuche für sein Buch. Vaginov, sein Schöpfer, exerziert die diversen Varianten des Leben-Literatur-Verhältnisses durch. So kann denn der letzte Satz des Buches nicht mehr erstaunen: "Dergestalt war Svistonov vollständig in sein Werk eingegangen."

Und Vaginov, sein Schöpfer, der Teilzeit-Oberiute? Der Roman "Werke und Tage des Svistonov" ist sein Bekenntnis und – nicht nur literarisches – Credo. Gleichzeitig ist er auch das Buch über die Entstehungsgeschichte von "Bocksgesang", das, als Schlüsselroman, in Leningrad Furore gemacht hat. Die "Klatschbrüder" dann, jene "echten Literaturexperten" im dritten Kapitel, finden ihre Vorbilder in jenen durchaus realen Literaten, die Vaginov in den Jahren 1927 und 1928, der Entstehungszeit des Romans also, so wichtig waren: den Oberiuten. "Dergestalt war Vaginov vollends in sein Werk eingegangen." Die Katze beißt sich selber in den Schwanz. Die Narren sind sich treu geblieben.

  • Schreibheft

Zeitschrift für Literatur 39

Schwerpunkt Oberiu – Vereinigung der realen Kunst, Teil I; herausgegeben und aus dem Russischen von Peter Urban; Rigodon-Verlag, Essen 1992; 210 S., 15,– DM

  • Konstantin Vaginov:

Werke und Tage des Svistonov

Aus dem Russischen von Gerhard Hacker; Verlag Joh. Lang, Münster 1992; 191 S., 32,– DM

Der Stern von Bethlehem

Aus dem Russischen von Peter Urban; Friedenauer Presse, Berlin 1992; 32 S., 16,80 DM