Von Klaus Kinkel

Bonn

Europa und die Welt stehen fassungslos vor den Ereignissen im früheren Jugoslawien. Nach dem Wegfall der West-Ost-Auseinandersetzung hatten wir geglaubt, daß wir vor einer Zeit des Friedens und des gedeihlichen Miteinander der Völker und Nationen für wirtschaftlichen Aufbau und Entwicklung stünden. Wir glaubten, die Zeit des blinden Nationalismus und Rassismus überwunden zu haben.

Doch der territoriale Eroberungskrieg der serbischen Führung in Kroatien und Bosnien-Herzegowina, breit angelegte ethnische Säuberungen, Mord, Folter und Massenvergewaltigungen von Frauen und teilweise Kindern der jeweils anderen Volksgruppe im früheren Jugoslawien zeigen, daß

die alten Dämonen auch in Europa noch nicht besiegt sind. Ströme von Flüchtlingen und Vertriebenen in einer Größenordnung, wie es sie in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat, sind die Folge eines Konfliktes, den leider weder die Europäer noch die Weltgemeinschaft bisher beenden konnten. Die Gesamtzahl der Menschen, die im früheren Jugoslawien fliehen mußten oder vertrieben wurden, wird inzwischen auf 3,1 Millionen geschätzt.

Das Elend dieser Menschen, die in ihrer Mehrzahl in Lagern in Kroatien und Bosnien-Herzegowina leben, ist unbeschreiblich. Der hereinbrechende Winter stellt eine zusätzliche Gefahr dar. Tausende, vor allem alte Menschen und Kinder, sind in Gefahr zu erfrieren oder an Krankheiten zu sterben, wenn ihnen nicht geholfen wird.

Solange wir nicht in der Lage sind, den Konflikt zu beenden, müssen wir wenigstens versuchen, mit humanitärer Hilfe den am schlimmsten Betroffenen zur Seite zu stehen. Dies ist ein Gebot der Menschlichkeit sowohl für die Staaten und die gesellschaftlichen und humanitären Organisationen, aber auch für den einzelnen Bürger.