Von Klaus Bednarz

Es soll ein gewaltiges Werk werden: die zehnbändige, vom Verlag ausdrücklich als "Bilanz" bezeichnete "Deutsche Geschichte im Osten Europas". Die Konzeption und Gliederung dieses Mammutunternehmens gehen auf Werner Conze zurück, den Anstoß zur Edition gab – unmittelbar nach der "Wende" Anfang der achtziger Jahre – der Verleger Wolf Jobst Siedler.

Die einzelnen Bände sind nach (geographischen) Regionen gegliedert. "Ost- und Westpreußen", "Böhmen und Mähren", "Baltische Länder", "Schlesien", "Pommern" und so weiter. Als Autoren zeichen Historiker wie Hartmut Boockmann, Friedrich Prinz, Gert von Pistohlkors, Norbert Conrads, Günter Schödl, Gerd Stricker und andere.

So begrüßenswert das Unternehmen auf den ersten Blick scheint – das Vorwort, das ihm Wolf Jobst Siedler im Begleitheft mitgegeben hat, macht stutzig. Da heißt es gleich im ersten Satz: "Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime und dem Zusammenschluß der beiden deutschen Teilstaaten zu einer größeren Bundesrepublik stellt sich die alte europäische Ordnung wieder her, mit den alten Herrschaftsordnungen und den traditionellen Staatsgrenzen." Ist es wirklich die "alte europäische Ordnung", die wieder auf unserem Kontinent herrscht? Welche denn? Die feudalistische? Die der imperialen Kabinettspolitik, die klerikale, die monarchistische? Welche "alten Herrschaftsordnungen" sind gemeint und welche "traditionellen Staatsgrenzen"?: Die Grenzen des Deutschen Reiches von 1871 oder 1937, die Grenzen Polens vor den Teilungen, nach den Teilungen, vor dem Zweiten Weltkrieg, nach dem Zweiten Weltkrieg?

Und vollends schaudern macht der Satz: "Das deutsch besiedelte oder deutsch durchdrungene Ostmittel- und Osteuropa ist in der Epoche der Weltkriege und Weltbürgerkriege untergegangen." Davon abgesehen, daß Begriffe wie das "deutsch durchdrungene Osteuropa" einer anderen, schlimmen Epoche der Geschichtsschreibung angehören – ist das, was damit auch immer gemeint sein mag, wirklich so einfach, gleichsam von selbst, "untergegangen"?

Der nun vorgelegte erste Band der "Deutschen Geschichte im Osten Europas", Hartmut Boockmanns "Ostpreußen und Westpreußen", bestätigt die schlimmen Ahnungen, die Siedlers Sätze wecken, zum Glück nicht. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Zwar ist im Klappentext noch unheilvoll vom "deutschen Geist" die Rede, für den zum Beispiel Danzig, Königsberg und die anderen Hansestädte am Baltischen Meer "stehen", doch ist der historische Ansatz Boockmanns zunächst unverdächtig. Er geht von der Erkenntnis aus, daß "das geistige Bedürfnis, die eigene Vergangenheit zu kennen, elementar ist und nur mit Mühe und nicht auf Dauer unterdrückt werden kann". Hierbei, so Boockmann, darf es keinerlei "deutsche Exklusivitätsansprüche" etwa auf die Geschichte Schlesiens und Ostpreußens geben. Und mit Nachdruck weist er darauf hin, daß ein künftiges Zusammenleben der Völker in Europa "nur möglich sein wird, wenn man in Deutschland die Erinnerung daran bewahrt, was nicht nur im Namen Deutschlands, sondern vielmehr von Deutschen in der nationalsozialistischen Zeit angerichtet worden ist."

Kenntnisreich und in einer auch für den Laien verständlichen Sprache blättert Boockmann die reiche und wechselvolle Geschichte Ostpreußens und Westpreußens auf. Kritisch setzt er sich mit dem zum Teil sehr disparaten Quellenmaterial auseinander, wobei naturgemäß ein Schwerpunkt auf dem Spezialgebiet des gelernten Mediävisten Boockmann liegt: der Geschichte des Deutschen Ordens und der Verfassung des Ordensstaates Preußen bis zum frühen 15. Jahrhundert. Hier schreibt kein "Revanchist" und kein Vertreter jener berüchtigten "Ostkunde", die zur Zeit des Kalten Krieges weite Teile der deutschen Geschichtsforschung dominierte. Differenziert stellt er die Motive derer dar, die als "Kreuzfahrer" gen Osten zogen, versucht die Handlungsweise der Eroberer des späteren Ost- und Westpreußens aus den Kategorien des Denkens der Zeit zu erklären und verschweigt auch nicht, daß die Siege des Ordens "blutig" waren, Tausende der Ureinwohner, der Prußen, "elend" umgekommen sind, "niedergemetzelt" wurden.

Und dennoch kann man sich des Gefühls nicht erwehren, daß auch hier Geschichte aus der Sicht der Täter geschrieben wird. Da gibt es viele – vielleicht ungewollt – verniedlichende Formulierungen wie: "Die Assimilierung der Prußen wurde nun vollendet." Da wird die zweifelhafte These aufgestellt, die Ursache für den Untergang des prußischen Volkes sei das "Verschwinden der prußischen Sprache und der prußischen Identität" gewesen – als ob eine Sprache von selbst verschwindet; und da wird als einer der Gründe für das Blutvergießen unter den Prußen der "prußische Widerstand" genannt – als hätten die Prußen besser getan, sich widerstandslos den deutschen Kreuzrittern zu ergeben. Wobei Boockmann in diesem Zusammenhang – statt wie sonst von "deutschen Kaufleuten" und "deutschen Siedlern" zu sprechen – plötzlich erklärt: "Man darf ausschließen, daß da Deutsche nach Osten zogen." Diejenigen, die die Kultur brachten, waren Deutsche, diejenigen, die mordeten, nicht?

Ebenso zwiespältige Gefühle wecken andere Kapitel des Buches. Da wird ausführlich auf die Geschichte Danzigs eingegangen, das immerhin mehr als drei Jahrhunderte dem polnischen König unterstellt war. Zwar räumt Boockmann ein, daß der Übergang Danzigs an den preußischen Staat 1793 in der Stadt "durchaus als ein Unglück empfunden" wurde, doch in gleichem Atemzuge stellt er fest, daß die "literarische Kultur in Danzig ohne Ausnahme deutschsprachig war, daß das, was damals in Danzig geschrieben und gelesen wurde, Teil der deutschen Literaturgeschichte ist".

Selbst wenn dies für die Literatur zutreffen sollte – an der Apodiktik des Boockmannschen Urteils sind zumindest Zweifel erlaubt. Wäre es nicht sinnvoll gewesen, an dieser Stelle wenigstens den Spuren polnischer oder jüdischer Kultur in Danzig nachzugehen? Zumal Boockmann dies im Hinblick auf Königsberg eingangs seines Buches ausdrücklich gefordert hatte?

An anderen neuralgischen Punkten der deutsch-polnischen Geschichte ist Boockmann von erfreulicher Klarheit. Der Anteil Preußens an den polnischen Teilungen wird, wie es vor ihm schon Broszat und andere getan haben, in unmißverständlicher Offenheit dargestellt. Gegen die Idealisierung Friedrichs des Großen und die Darstellung der völkisch-deutschen Geschichtsschreibung, der zufolge die Teilungen Polens selbstverschuldet und zwangsläufig waren, stellt Boockmann die Aussage: "Ähnlich wie im Falle des Ausgreifens auf Schlesien waren die rechtlichen Argumente auch hier nur ein dünner Schleier... Es ging um die Abrundung Brandenburg-Preußens und um die Erweiterung der Möglichkeiten seines Königs."

Demgegenüber werden nicht nur polnische Historiker die Darstellung des Bismarckschen Kulturkampfes eher als verharmlosend empfinden und die Charakterisierung der sozialen Zustände im südlichen Ostpreußen, vor allem Masuren, zu Beginn unseres Jahrhunderts als nicht unbedingt der Quellenlage entsprechend: "Wenn man von Zurückgebliebenheit reden wollte, müßte man die Notstandsregionen auf der Schwäbischen Alb wahrscheinlich eher nennen als Masuren." Es war sicher nicht Abenteuerlust, die Tausende von Ostpreußen um die Jahrhundertwende dazu trieb, ihre an Naturschönheiten so reiche Heimat zu verlassen und in die Kohlegruben des Ruhrgebiets einzufahren!

Wie überhaupt das 20. Jahrhundert in Boockmanns Aufriß der Geschichte Ost- und Westpreußens etwas kurz kommt. Dem Nationalsozialismus im deutschen Osten sind gerade zehn Seiten des insgesamt fast 500 Seiten umfassenden Bandes gewidmet. Und dabei ist gerade diese Epoche, wie Boockmann selbst in seiner Einleitung feststellt, die entscheidende für das künftige Zusammenleben der Völker in Europa, vor allem aber das nachbarschaftliche Zusammenleben von Polen und Deutschen.

In diesem Kapitel finden sich auch die zweifelhaftesten Formulierungen Boockmanns. Nicht nur, daß er die Ereignisse des sogenannten "Bromberger Blutsonntags" erwähnt, als gebe es nicht die differenzierende Arbeit von Günter Schubert, die hinter die Darstellung der nationalsozialistischen Propaganda erhebliche Fragezeichen setzt – vor allem die Schilderung des Endes von Ost- und Westpreußen im Jahre 1945 und die ahistorischen Gleichsetzungen und Relativierungen lassen den Verdacht aufkommen, daß hier, zumindest unbewußt, eine weitere Schlacht im "Historikerstreit" geschlagen werden soll. Da heißt es allen Ernstes über Hitlerdeutschland und die Sowjetunion Stalins: "Die Führer und die Werkzeuge zweier Gewaltsysteme" waren "im Hinblick auf das, was sie dem eigenen Volk und was sie fremden Völkern zufügten, wahrlich ebenbürtig ..." Also hat Stalin Deutschland überfallen, war der Holocaust das gleiche wie die schrecklichen Greueltaten von Angehörigen der Roten Armee beim Einmarsch in Ostpreußen?

Und einen anderen Satz muß man mehrmals lesen, um ihn in seiner ganzen Ungeheuerlichkeit zu begreifen: "Die russischen Sieger raubten, vergewaltigten, mordeten, und wo sie nicht schon bestehende Konzentrationslager übernahmen, richteten sie neue ein." Kann ein besonnener Historiker, als der Boockmann gilt, allen Ernstes und ohne jede Differenzierung schreiben: "die russischen Sieger"? Abgesehen davon, daß in der Roten Armee nicht nur Russen dienten – waren es wirklich alle, die "raubten, vergewaltigten, mordeten"? Würde Boockmann in der gleichen Pauschalität auch einen Satz wagen wie: "Die deutschen Eindringlinge raubten, vergewaltigten, mordeten?" Nein, zumindest dieser Teil des Bandes sollte dringend überarbeitet werden.

Zu wünschen wäre auch, daß polnische Historiker und Wissenschaftler anderer ost- und mitteleuropäischer Länder für die Darstellung der deutschen Geschichte im Osten Europas stärker herangezogen würden, damit es endlich zu einer wirklich grenzüberschreitenden Geschichtsschreibung kommt, die auch die völkischen Untertöne dort ausschließt, wo sie vielleicht nur unbewußt einfließen. Die vom Verleger im Begleitband zu dieser Reihe angeschlagene Tonart läßt allerdings daran zweifeln, ob die folgenden Bände diesem Anspruch gerecht werden.

Hartmut Boockmann:

Deutsche Geschichte im Osten Europas

Ostpreußen und Westpreußen; Siedler Verlag, Berlin 1992; 480 S., bis 28. Februar 1993: 78,– DM, danach 128,– DM