Von Gabriele Venzky

Die Sicherheitskräfte haben Ayodhya zurückerobert. Die Führer der rechts-chauvinistischen Indischen Volkspartei sitzen hinter Schloß und Riegel. Die islamische Welt hat das Versprechen von Premierminister P.V. Narasimha Rao, die zerstörte Moschee wiederaufzubauen, als Geste akzeptiert. Doch Indien ist nicht mehr dasselbe Land wie noch vor einer Woche.

Die Erstürmung und Zerstörung der 500 Jahre alten düsteren Moschee des islamischen Eroberungskaisers Babar durch fanatisierte Hindus, die glauben, ausgerechnet an dieser Stelle sei ihr mythischer Gott Ram/Rama geboren, und die Welle der Gewalt, die daraufhin über das Land rollte, haben einen Scherbenhaufen hinterlassen. Er läßt sich so einfach nicht beiseite kehren. Bis zur Wochenmitte sind schon mehr als 400 Menschen getötet worden.

Der Versuch der Hindu-Extremisten von der Volkspartei und ihrer radikalen Schwesterorganisationen, unter Mißbrauch der Religion die Vorherrschaft der altehrwürdigen indischen Congress-Partei zu brechen, war in der ersten Beurteilung ein Eigentor. Aber selbst dem Generalsekretär des Weltrats der Hindus, Ashok Singhai, gelang es nicht, die von seiner Organisation nach Ayodhya gekarrten 500 000 aufgeputschten Menschen zur Vernunft zu bringen. Die Geister, die da gerufen wurden, lassen sich offenbar nicht mehr zurückpfeifen. Die Führungsriege der Volkspartei – der silberhaarige Rechsanwalt Advani, der Hindu-Philosoph und Exaußenminister Vajpayee, die alte Maharani Scindia, Seniorin eines der angesehensten Fürstenhäuser Indiens, ja selbst der ehrgeizige Physikprofessor Joshi – hat ihre Kohorten schon längst nicht mehr im Griff.

Wie im tiefsten Mittelalter haben sich Sants und Sadhus der Politik bemächtigt, safrangewandete "heilige Männer" blasen im Namen einer obskuren "Hindutva" zum Generalangriff auf die Institutionen, die Indien, diesen Kontinent der Völker und Religionen, bisher zusammengehalten haben. Die Verfassung und das Gesetz wurden bisher als oberste Instanz von allen akzeptiert. Doch nun wischen die Radikalen auf einmal alle Gerichtsentscheidungen, die ein Antasten der Moschee verboten, mit dem Argument beiseite, in Fragen des Glaubens habe sich kein Gericht einzumischen. Der übervorsichtige Premierminister Narasimha Rao muß sich zu Recht vorwerfen lassen, die Dimension der Krise, die sich da zusammenbraute, unterschätzt zu haben. Daß er der dritte Regierungschef Indiens werden könnte, der an Ayodhya scheitert, ist nicht mehr auszuschließen.

Der Islam predigt Liebe und Eintracht. Der Hinduismus ist wohl die toleranteste Religion der Welt. Und dennoch schlachten sich Hindus und Muslime im Namen der Religion zu Tausenden ab. Nach dem Sturm auf die Moschee in Ayodhya fürchten Indiens 120 Millionen Muslime mehr denn je um ihre Sicherheit und Identität. Indes fühlen sich die Anhänger von Hindutva gestärkt, die einen neuen Nationalismus und die Vorherrschaft der Hindus propagieren. In einer Zeit gewaltiger gesellschaftlicher Umwälzungen und ungewisser wirtschaftlicher Aussichten schreien in Indien aus ähnlichen Gründen jene Menschen "jai am", die hierzulande "Sieg Heil" brüllen. Nur sind es dort mehrere hundert Millionen.

Die explosive Kraft des Obskurantismus, der sich im Tempelstreit von Ayodhya offenbart, lähmt schon seit Monaten das gesamte politische Leben in Indien. Die Regierung beschränkt sich aufs Reagieren statt zu regieren. Im Parlament prügeln sich die Abgeordneten. Das für Indien überlebenswichtige Thema, nämlich die wirtschaftliche Gesundung des Landes mit einer umfassenden ökonomischen Reform zu sichern, erfährt kaum noch Beachtung. Der Machtkampf unter dem Banner der Religionen droht nun das ganze Land auszubluten, wenn es Delhi nicht gelingt, wieder die politische Initiative zu ergreifen.