Von Gero von Randow

In der aktuellen Diskussion um einen "energiepolitischen Konsens" ist von fortgeschrittener Kerntechnik die Rede, auf die sich die Politik in Zukunft vielleicht wieder einigen könne. Gemeint ist eine Reaktorlinie, die in der deutschfranzösischen Firma Nuclear Power International (NPI) ausgebrütet wird. Das erklärte Ziel der Ingenieure: Ihre Technik soll unvergleichliche Sicherheit bieten und sich deshalb für eine "Renaissance der Kernenergie" eignen.

Seit drei Jahren planen die Abgesandten von Siemens/KWU und dem französischen Konzern Framatome in ihrer Tochterfirma NPI diese Wundermaschine, die Elektrizität und Konsens zugleich liefern soll. Sie wollen einen Druckwasserreaktor herkömmlichen Typs bauen. In solchen Kraftwerken durchströmt Wasser den Reaktorkern und gelangt anschließend in einen Dampferzeuger. Dort nimmt ein zweiter Wasserkreislauf (der Sekundärkreislauf) die Hitze auf und treibt eine Dampfturbine an. Der Reaktor wird mit 1450 Megawatt elektrischer Leistung ein dicker Brummer sein.

Das Gemeinschaftswerk ist eine ausdrückliche Absage an "revolutionäre Reaktortypen". In den USA, in Schweden und früher auch bei uns haben Kerntechniker andersartige Reaktoren ersonnen, um die Gefahr einer radioaktiven Umweltverseuchung prinzipiell auszuschließen. Ihre Ideen und Prototypen, so unterschiedlich sie auch sind, haben den Verzicht auf hohe Leistung pro Anlage sowie den Anspruch gemeinsam, daß sie sich im Störfall von selbst beruhigen. Die deutschen und französischen Hersteller wollen diesen Weg jedoch nicht gehen; sie bauen lieber auf die jahrzehntelangen Erfahrungen mit der Sicherheitstechnik herkömmlicher Meiler, die sie schrittweise verbessern wollen.

Vor allem haben sie noch einmal über die Kernschmelze nachgedacht, den am meisten gefürchteten Störfall. Versagen nach dem Abschalten alle Kühlsysteme, dann wird das Spaltmaterial im Reaktorkern binnen zweier Stunden so heiß, daß es die metallenen Brennstäbe aufschmilzt. Das kann in jedem Reaktor heutiger Bauart geschehen, wenngleich mit winziger Wahrscheinlichkeit. Sie soll nun deutlich gesenkt werden, zum Beispiel mit Sicherheitskondensatoren: Wenn der Sekundärkreislauf die Hitze aus dem Dampferzeuger nicht mehr abführen kann, dann strömt der Dampf in Kühlrippen, die ihrerseits mit "tertiärem" Wasser besprenkelt werden. Diese Notkühlung kann ohne Pumpen vonstatten gehen, nur mit Schwerkraft, und die fällt gottlob niemals aus. Freilich müssen stets die Ventile funktionieren.

Der Kondensator mag die Wahrscheinlichkeit einer Kernschmelze reduzieren, völlig ausschließen kann er sie nicht. Die NPI-Konstrukteure wollen ihren Reaktor daher "gegen Kernschmelzen auslegen", wie es im Fachjargon heißt – die Anlage soll selbst dann niemanden gefährden, wenn trotz aller Vorsichtsmaßnahmen der Kern zusammenschmilzt. Das ist ein Novum.

"Derartiges galt früher geradezu als unfein", kommentiert Adolf Birkhofer, Geschäftsführer der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Kernschmelzen zählten eben zum Restrisiko. Lothar Hahn vom Darmstädter Öko-Institut erinnert genüßlich daran, daß er schon vor Jahren gefordert habe, Reaktoren gegen Kernschmelzen auszulegen – "aber damals wurde ich nur ausgelacht". Gert Putschögl, Direktor bei KWU in Erlangen und Vater der deutschen "Konvoi"-Reaktoren, wiegelt ab: "Niemand von uns, die wir auf diesem Gebiet tätig sind, sieht für unsere Anlagen diesen Störfall als realistisches Szenarium an. Sehen Sie es also als Beitrag zur Konsensfindung, wenn wir heute auch gegen solche Szenarien Vorkehrungen treffen."