Von Judith Reicherzer

Viel Zeit bleibt nicht mehr. In den Forschungslabors entwickeln Chemiker und Gentechniker völlig neue Lebensmittel. Wissenschaftler basteln an Kakaobohnen, die auch gleich kalorienarmen Süßstoff enthalten, und Käse wird bereits jetzt mit gentechnisch hergestellten Enzymen produziert. In den Vereinigten Staaten kommen demnächst manipulierte Tomaten in den Handel, die erst nach Monaten verfaulen. "Die neuen Lebensmittel werden wohl schon in drei Jahren auf den europäischen Markt drängen", meint Kees de Winter vom Bureau Européen des Unions de Consommateurs (Beuc), das Europas Verbraucherschützer in Brüssel vertritt. Doch noch gibt es keine Gesetze, die sich umfassend mit den neuen Spezialitäten aus Bio- und Gentechnologie, dem sogenannten Novelfood, befassen – weder EG-weit noch in den einzelnen Mitgliedsstaaten.

Die neuen Lebensmittel sind zum Teil bereits auf dem Markt. Das Biotech-Eiweiß Quorn, in britischen Labors aus einem Mikropilz gewonnen, kommt inzwischen auch in Deutschland als Fleischersatz auf den Tisch. Das gentechnisch produzierte Käse-Enzym Chymosin ist hierzulande zwar noch nicht zugelassen, aber in der Schweiz, Portugal, den Niederlanden oder Großbritannien – und importierter High-Tech-Käse läßt sich von traditionellem Gouda oder Emmentaler nicht unterscheiden. Auch der Süßstoff Aspartam wird in den Vereinigten Staaten zum Teil aus genmanipulierten Bakterien gewonnen und dann in Cola oder Joghurts verarbeitet. Offiziell ist gentechnisch hergestelltes Aspartam in Deutschland verboten, "aber natürlich kommt die Ware auch auf den europäischen Markt", meint Kees de Winter.

In drei Wochen soll der Binnenmarkt vollendet sein. Schon seit Jahren werden Tausende Tonnen Nahrungsmittel quer durch Europa gefahren. Allein 1990 lag das Handelsvolumen für Nahrungsmittel, Getränke und Tabak innerhalb der EG bei mehr als 1,3 Billionen Mark. Fallen nun die Grenzen, wird der Transport noch leichter und billiger, die großen Lebensmittel-Konzerne wie Nestlé, BSN oder Unilever noch flexibler.

Europa ißt grenzenlos. Doch die europäischen Gesetzgeber hinken der Entwicklung hinterher. Einheitliche Richtlinien und Verordnungen fehlen nicht nur für Novel-food, sondern auch für die Bestrahlung von Lebensmitteln und für Zusatzstoffe. Das hat weitreichende Folgen. Denn bereits 1979 hat der Europäische Gerichtshof bestimmt, daß in der EG das Prinzip der gegenseitigen Anerkennung zu gelten hat. Das bedeutet, daß ein Land die Produkte der anderen EG-Staaten auf seinen Markt lassen muß, auch wenn diese von den nationalen Normen abweichen. Die andere Zusammensetzung muß lediglich deutlich deklariert und gesundheitlich unbedenklich sein.

Allen Beteiligten ist klar, daß gerade im Lebensmittelbereich gemeinsame Regelungen gefunden werden müssen, und zwar schnell. Doch so einfach ist das nicht. Über Novel-food läßt sich noch am ehesten diskutieren, denn da haben die einzelnen Staaten wenig Pfründen zu verteidigen. Für Zusatzstoffe dagegen existieren in jedem Mitgliedsland seit Jahren detaillierte Bestimmungen. "Allein für Süßstoffe gibt es in den EG-Staaten insgesamt rund 100 000 Vorschriften, die von der Art über die Menge bis zur Verwendung alles detailliert festlegen", stöhnt Reinhard Büscher, der im Kabinett von EG-Kommissar Martin Bangemann für die Harmonisierung des Lebensmittelmarktes zuständig ist. Und jedes Land besteht auf seiner Version, weil es damit die heimische Industrie, die traditionellen Produkte oder die Verbraucher für besonders gut geschützt hält.

Das Chaos ist perfekt: Die Deutschen erlauben die Kunstsüße Cyclamat, die Briten haben dagegen Bedenken. Dafür enthalten abgepackte Brote in England Propionsäure, die in der Bundesrepublik seit 1988 verboten ist. Die Franzosen wollen ihre Elsässer Würstchen nicht ohne rosa Farbe herstellen, und auch die Cocktailkirschen in den Drinks der europäischen Barflyer sollen leuchtend rot bleiben und Erythrosin (E 127) enthalten dürfen. "Am Ende wird die EG-Liste zugelassener Zusatzstoffe länger als jede nationale Liste in Europa sein", fürchtet Kees de Winter. Zugleich werden aber auch die Nutzungsmöglichkeiten erweitert. Daß Malzbrot in England unbedingt Farbstoff braucht, um typisch zu sein, kann der Verbraucherschützer noch verstehen. "Warum aber muß die Farbe dann auch gleich für Vollkornbrot erlaubt sein?"