Global denken, lokal handeln! Ausgerechnet dieses Motto ihrer Kritiker hatte sich die Atombranche zu eigen gemacht. Wer gegen den weltweiten Treibhauseffekt sei, verkündeten die Stromversorger in Anzeigenkampagnen, "muß lokal für Kernkraft sein". Begründung: "Kernkraftwerke produzieren kein CO hoch 2."

Der vom Treibhauseffekt beflügelten "Neuen Offensive der Atomwirtschaft", so der Titel eines erst kürzlich von der Umweltorganisation Greenpeace herausgegebenen Buches, war nur ein kurzes Leben beschieden. Inzwischen ist klar: Wenn es um die Zukunft der Nuklearenergie geht, sind weder Euphorie noch Depression berechtigt. Energiemanager denken nüchterner, als viele Atomkritiker glauben.

In der vergangenen Woche wurde bekannt, daß zwei Mächtige der Branche, Veba-Chef Klaus Piltz und der RWE-Vorstandsvorsitzende Friedhelm Gieske, bei Bundeskanzler Helmut Kohl mit einer alten Idee vorstellig wurden: Kohl solle sich um einen "überparteilichen Kernenergie-Konsens" bemühen. Um was es dabei gehen könnte, erläutern Piltz und Gieske in einem vierseitigen Papier, auf das sie sich mit dem niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder geeinigt haben:

  • Direkte Endlagerung statt Wiederaufarbeitung des Nuklearmülls
  • Verzicht auf Gorleben als Endlagerstätte für hochradioaktiven Müll, rasche Fertigstellung von Schacht Konrad bei Salzgitter für schwach- und mittelaktiven Müll
  • Bau und Anerkennung von neuen Zwischenlagern als Entsorgungsnachweis
  • Garantie einer politisch ungestörten Restlaufzeit für vorhandene Atommeiler und Offenhaltung der Option Kernkraftwerk bei "breiter politischer Zustimmung"

Ein Ausstiegsangebot? Keineswegs. Aber in die seit Jahren festgefahrene Atomdebatte kommt Bewegung – zum Nutzen aller. Zu den Gewinnern gehört zunächst Schröder. Er würde den Dauerkonflikt um Gorleben los und könnte sich in der SPD damit profilieren, dem Ausstiegsbeschluß von 1986 endlich Taten folgen zu lassen. Gewinnen würde aber auch Hessens Umweltminister Joschka Fischer. Mit dem Abschied von der Wiederaufarbeitung schwindet auch die Existenzgrundlage für die umstrittene Plutoniumfabrik in Hanau.

Doch Wiederaufarbeitung und Plutoniumwirtschaft sind für die Stromerzeuger ohnehin längst zu Ballast geworden. Das Recycling der Brennelemente ist schlicht viel teurer als die direkte Endlagerung. Das Interesse der Stromkonzerne richtet sich demgegenüber darauf, mit den vorhandenen Atomkraftwerken noch möglichst lange viel Geld zu verdienen. Weil ihnen aber der Atommüll über den Kopf wächst, werden sie schon bald nicht mehr den Nachweis führen können, wie sie das Zeug entsorgen wollen. Ohne diesen Nachweis aber müssen sie ihre Anlagen stillegen. Um weiter Geld verdienen zu können, brauchen sie deshalb den Konsens über Restlaufzeiten für ihre Meiler. Dann dürfte es auch nicht mehr schwierig sein, neue Zwischenlager zu bauen. Und weil in der Nuklearbranche alles mit allem zusammenhängt: Sind Zwischenlager als Entsorgungsnachweis juristisch anerkannt, kann man auch bei der Suche nach Alternativen zum Gorlebener Endlager behutsam vorgehen. So einfach ist das.

Was können die Atomgegner für mögliche Zugeständnisse erhalten? Vielleicht die rasche Stillegung der ältesten Reaktoren. Über den möglichen Wiedereinstieg werden andere später entscheiden.

Wäre die Initiative von Piltz und Gieske "das Ende der Veranstaltung", wie Bayernwerk-Chef Jochen Holzer argwöhnt? Mitnichten. Wer am alten Konzept festhält, gefährdet nicht nur seinen Ruf, sondern auch die Unternehmensgewinne. Fritz Vorholz