Von Helga Hirsch

Zagreb

Wer hat die Männer von Sarajevo bewaffnet?" herrschten drei serbische Soldaten Aziza Osmanovic beim Verhör an. "Wo hält sich dein Mann auf? Wo finden die Geheimtreffen zwischen Tudjman und Izetbegovic statt?" Aziza konnte nichts verraten, weil sie nichts wußte. Seit Jahresbeginn in Graz lebend, war die Familie im März nur nach Sarajevo zurückgekehrt, um den Vater zu beerdigen. Doch der Krieg in der Heimat hielt sie fest. Zusammen mit dem neunjährigen Sohn Jasmin und der zwölfjährigen Tochter Velvida wurde Aziza am 12. April aus einem Autobus gezerrt, von bewaffneten Männern ins Lager Manjača entführt und dort sechzehn Tage lang gequält und erniedrigt, bevor man sie am 28. April mit siebzehn weiteren Zivilisten gegen sechzig Tschetniks austauschte.

Damals vegetierten in Manjača etwa 1500 Männer hinter zwei Meter hohem Stacheldraht ohne Dach über dem Kopf auf dem bloßen Feld eines Stadions. In der Mitte, unweit jenes Fleckchens, das acht Frauen mit ihren Kindern zugewiesen worden war, lag der öffentliche Richtplatz: "Hier haben sie alles gemacht. Gefoltert, vergewaltigt, Gliedmaßen abgeschnitten, geschlagen, getötet." Aziza sah "allem" zu, bevor sie am dritten Tag selbst gerufen wurde. Als sie auf die Fragen nicht antworten konnte und wollte, preßten ihr die Verhörer glühende Eisenstangen auf Oberschenkel und Gesäß. Als sie auch danach die Antworten verweigerte, vergewaltigten sie zwei Serben mit den Spitznamen Todo und Srbo, während ein dritter ihre Arme festhielt, damit sie sich nicht wehrte. "Dein Tschetnik-Baby wird zehn Kilo wiegen!" Von nun an wurde sie täglich gerufen.

Als Zeugen kann sie sich auf alle 1500 Gefangenen berufen, die ihrer und den Erniedrigungen anderer Frauen zusehen mußten. "Wer den Kopf gesenkt hatte, erhielt Schläge. Sie mußten hinschauen mit stolz erhobenem Kopf, als ob sie etwas Schönes sehen." Zeugen waren auch ihre zwölfjährige Tochter, die selbst einmal vergewaltigt wurde, und ihr neunjähriger Sohn, dem sie drohten, die Geschlechtsteile abzuschneiden. Aziza hatte keine Widerstandskraft mehr.

– "Welches Kind liebst du mehr?"

– "Ich liebe beide."