Jahrelang war Energiepolitik für die deutschen Wirtschaftspolitiker ein Fremdwort. Kohle, Öl, Gas und Strom – trotz der beiden Ölpreiskrisen waren diese Schmiermittel der Industriegesellschaft immer "sicher und billig" vorhanden, so wie es das Energiewirtschaftsgesetz vorschreibt. Gleichwohl widerfuhr den Bonner Energiepolitikern vor kurzem das Unvermeidliche: Erst mußten sie sich in einem dicken Gutachten vorrechnen lassen, daß sie jahrzehntelang eine gigantische Vergeudung begünstigt hatten. Wenig später traten zwei Energiemanager mit der Bitte an den Kanzler, bei der Nutzung der Kernenergie für einen breiten politischen Konsens zu sorgen. Beide Probleme, die konstatierte Mißwirtschaft und der fehlende Atomkonsens, sind nur zwei Seiten einer Medaille, können deshalb auch nur gemeinsam gelöst werden – und auch nur dann, wenn die Energiepolitiker endlich aufwachen.

Ihre Verhandlungspartner, die Stromunternehmen, werden sie nämlich vor eine häßliche Alternative stellen: Sie erklären sich bereit, zunächst auf den Neubau von Atomkraftwerken zu verzichten, wenn an die Stelle stillgelegter Meiler große Kohle- oder Gaskraftwerke treten dürfen. Die emittieren aber, im Gegensatz zu den gefährlichen nuklearen Stromfabriken, das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2). Je größer solche konventionellen Kraftwerke sind, desto schlechter eignen sie sich zudem für eine rationelle und umweltschonende Energienutzung. Selbst bei bestem Willen ließe sich bei einem mit billiger Importkohle befeuerten riesigen Verstromungszentrum – wie in Wilhelmshaven geplant – kaum Wärme auskoppeln: Es gibt dort einfach zuwenig Wohnungen, die man beheizen könnte. Der schlichte Tausch Atomkraft gegen Kohlekraft ist deshalb nicht akzeptabel.

Aber die Stromunternehmen haben vorgesorgt. Sie werden nämlich anbieten, ihr Scherflein zum Umweltschutz beizutragen, und zwar nicht im eigenen Land, dafür aber anderswo auf der Welt. Kompensation heißt ihr neues Zauberwort: Das hieße etwa, durch Modernisierung eines Kraftwerkes in Rußland oder in Indien dafür zu sorgen, daß dort der CO2-Ausstoß begrenzt wird. Weil man ihnen aber das für diese gute Tat notwendige Geld nicht nehmen dürfe, werden sie weiter argumentieren, müsse die geplante CO2-Abgabe vom Tisch.

Das klingt plausibel – schließlich ist der Treibhauseffekt eine globale Bedrohung, und es ist einerlei, in welchem Erdteil weniger CO2 emittiert wird – und ist dennoch eine Illusion. Allein wegen des Wachstums der Bevölkerung wird in den armen Ländern auch der CO2-Ausstoß unvermeidlich wachsen, selbst beste Westtechnik könnte dieses Wachstum allenfalls begrenzen. Um die Erde vor dem Treibhauseffekt zu bewahren, müssen die Emissionen aber drastisch sinken. Auf verstärktes Energiesparen in Industrieländern wie Deutschland zu verzichten hieße deshalb, vor dem Treibhauseffekt zu kapitulieren.

Daraus folgt: Der Energiekonsens muß vor allem ein Konsens über das Energiesparen sein – Herausforderung und Chance zugleich, denn Energiesparen ist ein Zukunftsmarkt. Verstreicht die Chance ungenutzt, wird es schon bald wieder heißen: Neue Meiler braucht das Land.

Fritz Vorholz