Unlängst fragte der SPD-Abgeordnete Peter Eckardt: Woran liegt es eigentlich, daß Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und Studenten am Thema Hochschulreform nicht interessiert sind? Eine schwierige Frage, denn die politischen Reformanstrengungen nehmen derzeit nach zehnjähriger Grabesstille wieder konkrete und mitunter so beunruhigende Formen an, daß sie eigentlich alle Betroffenen in höchste Alarmbereitschaft versetzen sollten. Mit der Umstrukturierung des Studiums in ein "grundständiges" Studium für die Massen der Studenten und ein anschließendes Graduiertenstudium wird es nun ernst; so ernst, daß auch Themen wie Studiengebühren oder Zwangsexmatrikulation keine Tabus mehr sind.

Leichter zu beantworten ist dagegen die Frage, warum unser Kanzler an dem Thema nicht interessiert ist: Der von ihm immer wieder verschobene Bildungsgipfel, auf den die Länder und die Hochschulen so drängen und der nun im Frühjahr stattfinden soll, droht zu einer ungemütlichen Expedition zu werden. Für die Einstimmung auf das raue Gipfelklima dürften in dieser Woche die Ministerpräsidenten gesorgt haben.

Beim turnusmäßigen Treffen haben sie dem Kanzler ein von ihren Kultus- und Finanzministern unisono verabschiedetes Papier vorgelegt, das nicht nur mit dezidierten Reformvorschlägen aufwartet, sondern dem Bund auch detailliert vorrechnet, wo er in der Vergangenheit auf Kosten der Länder an den Hochschulen gespart hat. Daß das Papier außerdem massive finanzielle Forderungen für die Zukunft enthält, ergibt sich nachgerade von selbst. Was diese Forderungen, denen selbst Unbeteiligte eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können, dann allerdings – vorsichtig formuliert – waghalsig erscheinen läßt, steht nicht mehr in dem Ministerpapier. Der Bund soll zwar – fordern die Länder – mehr Geld für die Hochschulen rausrücken, gleichzeitig aber auf seine Mitsprachekompetenz in Hochschulangelegenheiten (sprich: auf das Hochschulrahmengesetz) so gut wie ganz verzichten.

Dies sei kein Widerspruch, meinte Wissenschaftsministerin und Wortführerin Anke Brunn noch vor wenigen Wochen in dieser Zeitung (ZEIT Nr. 43). Die Länder könnten ihren Hochschulen nur dann helfen, wenn sie nicht ständig durch das Rahmenrecht des Bundes gegängelt würden. Daß man in Bonn der forschen Gipfelstürmerin aus Nordrhein-Westfalen keine Sympathie entgegenbringt, ist klar. Warum aber auch die Hochschulen, denen doch geholfen werden soll, ihre Aktivitäten als "Todesstoß der in Not geratenen Universitäten" verteufeln – wie der Präsident des Hochschulverbandes, Hartmut Schiedermair –, begreift nur, wer sich an die Zeiten vor 1970 erinnert,als es noch kein Rahmengesetz gab. Damals wurden die Universitäten von reformeuphorischen Ländergesetzen regelrecht überflutet. Ungute Erinnerungen an diese Zeiten mögen auch den Vorsitzenden des Wissenschaftsrats, Dieter Simon, zu seiner Warnung angeregt haben: "Wenn man den Föderalismus stärken will, wird man den Separatismus ernten."

Im Moment hat es den Anschein, als ob sich die Anstrengungen zur Hochschulreform in einem archaischen Kompetenz- und Verteilungskampf aller gegen alle erschöpfen könnten. Der Bund gegen die Länder, die Länder gegen den Bund, alte Länder gegen neue Länder, aber alle für die Hochschulen. Die Hochschulen gegen die Länder, aber zum Teil mit dem Bund – wer blickt da noch durch? Die Bildungslandschaft ist in dichten Nebel gehüllt. Kein Wunder, daß der Kanzler auf eine Gipfelbesteigung wenig Lust hat.

Sabine Etzold