Von Daniel Vernet

Zwischen Prädestination und Prophetie steht die Geschichte. Alle drei spielen im Leben der Historikerin Hélène Carrère d’Encausse zusammen. Zuerst die Sehergabe: Carrère d’Encausse verdankt ihre Berühmtheit einem Buch aus dem Jahr 1978: "L’Empire éclaté" (Das zersplitterte Imperium, 1978). Darin zeigte sie, welche Gefahren das wachsende demographische Ungleichgewicht zwischen Slawen und Muslimen in der Sowjetunion in sich barg. Dieser Tage schiebt sie "Victorieuse Russie" (Siegreiches Rußland, auf deutsch noch nicht erschienen) nach, ein Buch, in dem sie ein demokratisches Rußland preist, das seine Dämonen endlich los sei. Zwischen beiden liegt ein rundes Dutzend Bücher, die ihr die Tür zur Académie française öffneten.

"Das zersplitterte Imperium" wurde in wenigen Wochen mehr als hunderttausendmal verkauft und war ein noch nie dagewesenes Medienereignis. Zum ersten Mal wurde eine Sowjetologin berühmt und das auch noch mit einem Buch, dessen Thema sich eher für eine Dissertation als für einen Bestseller zu eignen schien.

Das Werk ist viel scharfsinniger, viel nuancierter als die vorschnellen Schlüsse, die daraus gezogen wurden. Es ist eine Analyse jenes "Volksgefängnisses", als das Lenin einst das Zarenreich angeprangert hatte, das aber auch das Sowjetreich war. Hélène Carrère d’Encausse interessiert sich besonders für Zentralasien, wo die Bolschewiken nicht den Islam "kommunisierten", sondern der Kommunismus durch die tiefer verwurzelte muslimische Tradition islamisiert wurde. Sie kündigt darin keineswegs das Ende der Sowjetunion an, wie es dann 1991 kam. Obwohl sie die Urheberschaft des Buchtitels für sich beansprucht, behaupten böse Zungen, er sei ihr vom Verleger aus kommerziellen Gründen aufgezwungen worden.

Hélène Carrère d’Encausse ist bescheiden. Eine Historikerin stellt keine Prognosen, sie untersucht Kräfteverhältnisse, aus denen sie dann eventuell Schlüsse ziehen kann. Der prophetische Charakter von "Das zersplitterte Imperium" kann zweierlei nicht verwischen: Zum einen brach das Reich in der Mitte zusammen und nicht etwa am asiatischen Rand; zum anderen widerstand das Sowjetsystem in den muslimischen Republiken der Perestrojka und ihren Folgen noch am besten. Sei’s drum, seither ist die Sehergabe dieser Frau, von der Tageszeitung Libération zur "obersten Sowjetin" ernannt, immer gefragt, wenn es auch nur entfernt um die ehemalige UdSSR geht.

Die Wurzeln dafür sind eher in ihrer Familie als in der Universität zu suchen. Am 6. Juli 1929 wurde Hélène Zourabichvili in Paris in eine staatenlose Familie hineingeboren. Vater Georges stammte aus Georgien. Nach der Niederlage der Menschewiken verließ er Tbilissi, das damals noch Tiflis hieß, und kam über Istanbul nach Frankreich. Der Kaukasus, Zentralasien und die Türkei seien Teil ihrer Familiensaga, sagt Helene d’Encausse, um ihre Begeisterung für den sowjetischen Orient zu erklären. Soviel zur Prädestination. Georges war Doktor der Philosophie, doch wie viele Gefährten aus der "weißen" Emigration verdiente er sein Geld als Taxifahrer. In Paris heiratete er Nathalie von Pelken, die zwar in Florenz geboren wurde, deren Familie jedoch ebenfalls aus slawischen und baltischen Gefilden stammte (ihre Mutter übersetzte George Sand ins Russische).

Die kleine Helene wuchs in Meudon bei Paris auf, wo eine große russische Kolonie lebte. Zu Hause lernte sie Französisch, Englisch und, natürlich, Russisch, das sie immer noch im Tonfall von Sankt Petersburg spricht, der "früher der Emigranten-Akzent genannt wurde und der heute sehr hoch im Kurs steht".