Von Joachim Fritz-Vannahme

Es war einmal ein polnischer Journalist an der deutschen Grenze. "Ein schrilles Pfeifen läßt mich zusammenzucken. Ein Blick nach links, und ich weiß, wem es gilt. Es gilt mir. Ein Westberliner Grenzpolizist geht auf mich zu, gestikuliert und brüllt, ob ich nicht lesen könne und vielleicht blind sei. ‚Polen-Autos‘ gehörten woanders hin, donnert er. Sein Gesicht ist rot vor Wut. Ich fahre auf die Seite und warte. Eine Kolonne Trabis rollt an mir vorbei. Nun sind die Polen die Ostler. Mancher Stein der Mauer fällt uns auf den Fuß."

Es war einmal ein polnischer Journalist, der in jenen Wintertagen des Jahres 1990 nicht ahnte, daß er nur wenige Wochen später erster Botschafter seines Landes in einem wiedervereinten Deutschland sein würde, für das "der Osten" nicht mehr an der Elbe, sondern an der Oder beginnt. Vielleicht wird Janusz Reiter, der Journalist aus Leidenschaft und Diplomat aus augenblicklicher Lust, einmal eine ähnliche Reportage von der polnischen Ostgrenze schreiben, wieder für den stern, in dem jene Zeilen damals erschienen, oder für die Zürcher Weltwoche, für die er lange aus Polen berichtete, oder auch für die ZEIT, in der Reiter erst Ende November wieder einmal eine Rezension veröffentlichte.

Ganz gleichgültig, wo diese Szene dann erschiene: Wieder würde in Reiters Reportage ein Pfiff gellen, ein Auto aus dem Blechstrom gen Westen herausgefischt und gen Osten zurückgebrüllt werden. Wieder würde da einer wider Willen zum Ossi gestempelt – nur diesmal eben kein Pole, sondern ein Ukrainer oder ein Rumäne.

"Mit Grenzen habe ich meine Erfahrungen gemacht", blickt Janusz Reiter, Jahrgang 1952, zurück: "Bis vor kurzem befielen mich noch vor jedem Schlagbaum Magenkrämpfe." Wie fern liegen doch die Zeiten, da die "Liberalität" des Kommunismus an der Offenheit seiner Grenzen, an freier Aus- und Einreise, gemessen wurde. Zum Lackmustest im freien Europa scheint jetzt das Gegenteil zu werden: Der deutsche Asylkompromiß könnte die Polen nolens volens zwingen, ihre Grenzen im Osten und Südosten dichtzumachen.

Welche Zumutung für die Polen und ihre Nachbarn. Eben noch wurde der Regierung in Warschau vom Westen bedeutet, mit seinem Nato-Beitritt solle Polen es doch bitte nicht zu eilig haben, denn welch erschreckenden Eindruck würden alliierte Soldaten am Bug auf die Menschen der GUS-Länder machen. Doch schon heute bedeutet das unschöne Wort vom "Grenzregime" im deutschen Asylkompromiß nichts anderes, als daß bald polnische Soldaten an dieser Grenze im eigenen und vor allem im westlichen Interesse die Maschen enger ziehen werden.

"Stellen Sie sich vor, was die möglichen Folgen des Asylkompromisses für unsere östlichen Nachbarn bedeuten. Für die ist Polen das Tor zum Westen", appelliert Janusz Reiter. Damit ist auch Polens Nachbarn ein Stein der Mauer auf den Fuß gefallen...