Von Ludwig Siegele

Paris

Vor nicht allzu langer Zeit herrschte hier noch das Ambiente eines Ameisenhaufens. Jetzt bieten die Büros am Pariser Boulevard Raspail nur noch muffige Luft und gähnende Leere. Auf einem Tisch hat ein eiliger Leser die Ausgabe der Tageszeitung Le Monde vom 15. Mai vergessen. "Die Opposition wird versuchen, ihre Meinungsverschiedenheiten zu minimieren", heißt es da optimistisch auf der inzwischen vergilbten Seite 7.

Die Szene, vom linken Wochenmagazin Nouvel Observateur genüßlich beschrieben, ist Symbol. Denn in diesen Räumen residiert die Union pour la France (UPF), die konservative Sammlungsorganisation Frankreichs. Von Einheit aber sind ihre beiden Untergruppierungen, die rechtsliberale Union pour la Démocratie Française (UDF) und das neogaullistische Rassemblement pour la Republique (RPR) sowie deren Führer Valéry Giscard d’Estaing und Jacques Chirac heute weit entfernt.

Das mag verwundern. Schließlich könnte die Opposition bei den Parlamentswahlen im nächsten März vielleicht einen historischen Sieg feiern: Die Umfragen sagen ihr eine Vier-Fünftel-Mehrheit bei der Wahl zur Nationalversammlung voraus. Aber gerade deswegen tobt der interne Wahlkampf heftiger denn je. Es geht schon gar nicht mehr darum, ob die Rechte gewinnt, sondern wer von der Rechten das Land künftig regieren wird.

Einigen sich UDF und RPR nicht noch rechtzeitig, werden sie in rund hundert Wahlkreisen gegeneinander antreten. Schließlich steht viel auf dem Spiel: Jene Partei, die im März die meisten Mandate gewinnt, wird wohl den Premierminister stellen.

Die Spitzenpolitiker üben sich im Bruderzwist. Valéry Giscard d’Estaing und Jacques Chirac boten im Oktober einen weiteren Akt ihres zwanzigjährigen Klassikers "Krieg der Chefs" dar. Dabei ist die Wahl im März für sie nur eine Durchgangsstation. In Wahrheit streben sie beide nach dem einzigen Amt, das im französischen Staat zählt: Sie wollen Hausherr im Präsidentenpalast werden. Doch ihre Schicksale sind untrennbar verknüpft. Der eine kann ohne den anderen kaum gewinnen.