"Ich habe mich noch nicht entschieden", unterstrich Giscard im Fernsehen indirekt seinen Anspruch auf die Kandidatur und ließ seinem Fußvolk ausrichten, daß er sich wohl nicht auf die geplanten Vorwahlen einlassen werde. Das sei doch sicher nur ein "liebenswürdiger Scherz", hieß es im gaullistischen Lager und Chirac wetterte: "Es wäre unverantwortlich, wenn die Opposition mit mehreren Kandidaten in die Präsidentschaftswahlen ginge."

Treten der ehemalige Staatschef und der Gaullistenführer bei den Präsidentschaftswahlen 1995 gegeneinander an, könnte sich tatsächlich wiederholen, was die Rechte schon 1981 um die Macht brachte: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte – damals der sozialistische Kandidat François Mitterrand. Aber für beide ist es die letzte Chance, das höchste Staatsamt zu erringen. Das nächste Mal werden jüngere und unverbrauchtere Politiker auf ihr Recht pochen.

Ehrgeiz und Eitelkeit entzweien nicht erst heute die Opposition. "Sie ist nicht nur konjunkturell, sondern auch strukturell gespalten – in eine orleanistische und eine bonapartistische Strömung", meint Jean-François Sirinelli, Professor für Zeitgeschichte in Lille und Herausgeber der kürzlich erschienenen Aufsatzsammlung über die Geschichte der französischen Rechten.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts machten sich die beiden Strömungen Konkurrenz: Die orléanistes, genannt nach ihrem guten Verhältnis zum Bürgerkönig Louis Philippe aus dem Hause der Orleans, repräsentierten Liberalismus und Parlamentarismus. Die bonapartistes, die sich um Napoleon III. gruppierten, standen für Autorität und direkte Demokratie.

Bei der UDF, der Partei Giscards, sind Parallelen zu damals erstaunlich: Sie ist ein lockerer Zusammenschluß mehrerer selbständiger Gruppierungen wie der Parti Républicain (PR) oder dem Centre des Démocraties Sociaux (CDS). Ihre Wähler findet sie überwiegend in den Städten, unter Angestellten und besser Verdienenden. Sie befürwortet mehrheitlich die Maastrichter Verträge, steht für den Markt und einen dezentralen Staat.

Der Fall der RPR liegt komplizierter. Chirac hat heute nichts mehr von dem Gaullisten, der noch 1978 seinen proeuropäischen Partner als "Partei des Auslands" schmähte: Auch er spricht sich inzwischen eindeutig für Maastricht aus. Doch seine traditionellen Parteigänger machten die Wende nicht mit.

Charles Pasqua und Philippe Séguin, die beiden Wortführer der Maastricht-Gegner, repräsentieren da schon eher die Basis der RPR. "Ein wichtiges Ergebnis des Referendums vom September war die Zustimmung, die beide bei den populären Schichten gefunden haben", meint der Zeitgeschichtler Sirinelli. "Ihre Stärke liegt darin, daß der eine für den populistischen und der andere für den intellektuellen Gaullismus steht."