Von Heinz-Günter Kemmer

Für Hans Christoph von Rohr, den Vorstandsvorsitzenden der Duisburger Klöckner-Werke, war der Weg zum Amtsrichter offenbar kein Gang nach Canossa. Mit beinahe heiterer Gelassenheit erzählte er am Freitag vergangener Woche, seine Holding-Gesellschaft habe für sich und zwei Stahl produzierende Tochterunternehmen die Eröffnung des Vergleichsverfahrens beantragt. Im Rahmen dieses Vergleichs sollen die Gläubiger auf sechzig Prozent ihrer Forderungen verzichten.

Rohr, seit gut achtzehn Monaten an der Spitze des Unternehmens, blieb dem von seinem Vorgänger Herbert Gienow geprägten Stil des Unternehmens treu und münzte das Eingeständnis der Zahlungsunfähigkeit in ein "Signal für den Neuaufbruch" um. Für ihn werden mit dem Vergleich die "Karten im Stahl neu gemischt". Nach der Entschuldung sollen die Klöckner Stahl GmbH, die ein Hüttenwerk in Bremen betreibt, und die Klöckner Edelstahl GmbH in Georgsmarienhütte bei Osnabrück wieder im Wettkampf der europäischen Stahlgesellschaften mithalten können.

Für die Zahlungsschwierigkeiten machte Rohr drei Dinge verantwortlich: die "desolate Lage am Weltstahlmarkt"; die Sonderbelastung der Klöckner-Werke durch Koks aus Ruhrkohle, der jährlich rund neunzig Millionen Mark mehr kostet als Importkohle vom Weltmarkt; dazu ein hoher Kapitaldienst wegen der in früheren Unternehmenskrisen bei den Stahlgesellschaften des Konzerns angesammelten Schulden. Klöckner ist also nur zu einem Teil Opfer der allgemeinen Stahlkrise. Sonderbelastungen, die für andere Unternehmen nicht gelten, haben deren Wirkung verschärft.

Die Klöckner-Konkurrenten sehen den jüngsten Schachzug des immer wieder von Turbulenzen geprägten Unternehmens mit Mißvergnügen. Die unter Überkapazitäten leidende Branche hatte mit einigem Grund gehofft, ihren lästigen Wettbewerber nun endgültig loszuwerden. Denn seit Monaten versuchte Klöckner, sich durch die Flucht in die Kooperation mit einem Konkurrenten oder gar durch den Verkauf der Hochöfen von Bremen und Georgsmarienhütte aus der Stahlmisere zu verabschieden – bisher vergeblich.

Die hohen Schulden, die der trotz zweier Kapitalschnitte nie richtig sanierte Konzern angehäuft hat, schreckten alle möglichen Partner ab. Das Eigenkapital macht weniger als 10 Prozent der Gesamtbilanz aus – gegenüber 37 Prozent beim Branchenführer Thyssen und immerhin noch fast 20 Prozent bei Hoesch und Krupp –, der Zinsaufwand schluckt 4,3 Prozent vom Umsatz.

Das soll sich nun drastisch ändern. Von 2,7 Milliarden Mark Schulden, die sich bei den Vergleichskandidaten türmen, sollen deutlich mehr als eine Milliarde verschwinden. Danach sieht Klöckner für einen möglichen Kooperationspartner natürlich gleich viel schöner aus. Und so will sich Rohr denn auch mit neuem Elan in Kooperationsgespräche stürzen und keineswegs erst abwarten, ob der Vergleich zustande kommt oder nicht. Der Vergleich gilt dann als angenommen, wenn ihn die Mehrheit der Gläubiger billigt, vorausgesetzt, sie repräsentiert mindestens vier Fünftel der Forderungen. Zwar ist der Klöckner-Chef nach vorausgegangenen Gesprächen mit den großen Gläubigern vom Gelingen des Vergleichs überzeugt, bis dahin vergehen aber nach Meinung des vorläufigen Vergleichsverwalters, Jobst Wellensiek, mindestens vier Monate.