Von Dietmar H. Lamparter

und Jürgen Salz

Die Geste hatte Symbolkraft. Auf der Hauptversammlung der Deckel AG wenige Tage nach Nikolaus überreichte ein Vertreter des Stuttgarter Aktienclubs dem Vorstandsvorsitzenden des Münchner Werkzeugmaschinenherstellers, Peter-Jürgen Kreher, eine Rute. Schließlich hatte dieser die versammelten Aktionäre vor eine unangenehme Wahl gestellt: Neue Millionen in das verlustreiche Traditionsunternehmen einzuschießen – oder den Konkurs wegen Überschuldung zu akzeptieren. Nur wenige Tage später standen die Aktionäre des Konkurrenten Maho AG aus Pfronten im Allgäu vor einer ähnlichen Malaise: dramatischer Auftragseinbruch und immenser Schuldenberg.

Die von den Hauptversammlungen beschlossenen Kapitalschnitte mit anschließender Wiederheraufsetzung durch frisches Kapital besiegelten auch den Abschied der Gründerfamilien aus den Traditionsunternehmen. Bei Maho hielt bis zur Hauptversammlung am vergangenen Montag die Familie Babel die Aktienmehrheit. Jetzt haben die Banken das Sagen. Bereits im Juni hatte sich Werner Babel, der das Unternehmen 22 Jahre lang geleitet und an die Börse geführt hatte, in den Aufsichtsrat zurückziehen müssen. Ähnlich erging es der Familie Deckel: Im November 1991 verkauften die Familienmitglieder ihren Anteil am Unternehmen, das seit 1989 rote Zahlen schreibt, dem bayerischen Baumaschinen-Unternehmer Walter Eder.

Die neuen Eigner werden es nicht leicht haben. "Es geht ums Überleben", bestätigt Claus Garbe, Partner bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger in München, die kritische Lage vieler westdeutscher Werkzeugmaschinenbauer. Die Branche, die maßgeblich zum Ruf der deutschen Industrie als "Exportweltmeister" beigetragen hat, steckt nach einem massiven Auftragsschwund in der Krise.

Zwar stellen die durchweg mittelständischen Werkzeugmaschinenbauer im größten deutschen Industriezweig, dem Maschinen- und Anlagenbau, der mit der Herstellung von Kleintresoren bis zum kompletten Kraftwerk rund 212 Milliarden Mark umsetzt, nur knapp zehn Prozent der rund 1,1 Millionen Beschäftigten, doch sie bildeten seit jeher die imageträchtige Kerntruppe: Einerseits gibt es kaum einen Produktionsprozeß an dem nicht an irgendeiner Stelle eine Werkzeugmaschine beteiligt wäre, und andererseits besetzten die deutschen Hersteller technologische Spitzenpositionen und exportierten in den Boomzeiten der späten achtziger Jahre über sechzig Prozent ihrer Fräs-, Bohr-, Dreh- oder Schleifmaschinen in aller Herren Länder.

"Dieser Wirtschaftszweig der Unbekannten ist eine Branche der ganz und gar Erfolgreichen", verkündete vor wenigen Jahren noch der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth – doch das war einmal. Nach sieben fetten Jahren geht es seit 1991 steil abwärts: Die weltweit abkühlende Konjunktur schlug bei den Investitionsgüterherstellern zuerst durch, der Vereinigungseffekt hielt nicht lange vor, und das wichtige Ostgeschäft ist total weggebrochen.