Von Olaf Preuß

Majestätisch glänzt die Synagoge im Mittagslicht. Auf der Hauptkuppel ragt der neuvergoldete Davidstern in den Himmel über Berlin. Die einst größte und schönste Synagoge Berlins-in der Oranienburger Straße, im Krieg zerstört, ist seit 1988 eine Baustelle. Konstantin Münz, Magazinverwalter am Centrum Judaicum, geht durch das, was einmal Foyer war. Die Klinkerfassade mit den zwei Türmen und der großen Hauptkuppel steht seit diesem Jahr in ihrer alten Pracht. Jetzt sind die Handwerker dabei, das Innere neu herzurichten. Ein Museum soll es werden, und zwei kleine Gebetsräume wird es geben, 50 der 200 Ostberliner Gemeindemitglieder werden Platz darin finden. Vor dem Krieg faßte das Haus 3000 Menschen. "Wir sind froh, daß wir in Berlin keine ganz so große Synagoge mehr haben", sagt Münz, "denn das belastet."

Die Synagoge ist ein Seelenspiegel für das Judentum in Ostdeutschland. Selbstbewußt wie die Fassade war seine Geschichte vor 1933, desolat wie der verfallene Innenraum die Zeit danach. Mit hundert Millionen Mark wird man die Synagoge wieder aufbauen. Wer aber holt die Juden zurück ins Berliner Scheunenviertel, in den Leipziger Brühl, nach Erfurt, Dresden oder Schwerin?

In der DDR war jüdisches Selbstbewußtsein nicht gefragt. Vierzig Jahre lebten die Juden in einer kollektiven Schizophrenie, verdrängten, leugneten oder versteckten ihre Geschichte, allen voran die Politbüromitglieder Hermann Axen und Albert Norden, Söhne aus Rabbinerfamilien. Das Judentum in der DDR, sagt Peter Fischer vom Zentralrat der Juden in Deutschland, "war eine exotische Blume. Über die jüdischen Gemeinden wurde eine Käseglocke gestülpt." Nun ist die Glocke weg, und auf dem Alexanderplatz hocken Skinheads und fordern "Juden raus!".

Peter Fischer gehört zu einer Generation von DDR-Bürgern, die sich erst als Erwachsene auf die Suche nach ihren jüdischen Wurzeln machten, einer Generation, der die Großeltern fehlten, die den Enkeln, wie es Tradition ist, das Judentum nahebrachten. "Ich war Parteimitglied und loyaler Bürger dieses Landes. Erst aus meinem Erleben in der DDR bin ich jüdisch bewußt geworden", sagt er. Seine Eltern gingen vor dem Krieg nach London ins Exil. 1946 kamen sie zurück, um an einem neuen, gerechten Deutschland mitzubauen. Seine Mutter ist Jüdin und Kommunistin, sein Vater war "Urkommunist und keiner der bequemen Sorte". Das Elternhaus war politisch, Religion spielte keine Rolle.

Langsam erschließt er sich die Kultur, mit der Juden in New York, London oder Tel Aviv selbstverständlich aufwachsen. Dieses Jahr reiste er zum ersten Mal nach Israel, nicht ohne Schwierigkeiten, denn er spricht "kein Hebräisch und ein miserables Englisch". Der Stolz, das Selbstverständnis der Israelis haben ihn tief beeindruckt. "Das Land war für mich immer ein stilles Geheimnis, und das konnte man auch mit Schund nicht zerreden." Die DDR verkaufte ihre antisemitische Hetze gegen Israel nach innen als "antizionistisch". Die Juden im Land, kaum tausend zählten die Gemeinden, ertrugen es. Manche mochten selbst nach persönlichen Demütigungen nicht wahrhaben, daß dieser Staat wenig mit der Utopie zu tun hatte, von der sie träumten.

Rachel und Kurt Stillmann sitzen in ihrer Wohnung an der Ostberliner Karl-Marx-Allee. Nein, zu DDR-Zeiten fühlten sie sich nicht diskriminiert, sagt Rachel Stillmann, aber nach der deutschen Vereinigung "fühle ich mich mehr beleidigt und diskriminiert als je zuvor". Sie war Dozentin für Hebräisch an der Humboldt-Universität. Nach der Wende wurde sie entlassen, mit der Begründung, sie habe das Rentenalter erreicht. Rachel Stillmann, eine lebendige, impulsive Frau, ist empört und zugleich bedrückt. "Ich brauche meine Arbeit auch zum Vergessen und Verdrängen."