Von Jost Nolte

Mit unüberhörbarem Stolz berichtet Hans-Jürgen D., Jahrgang 1950, von einem Fahndungserfolg. Als Leutnant der "Grenzbrigade Küste" hatte er den Auftrag, zwischen Graal-Müritz und Ribnitz-Damgarten sogenannte Abladungen zu verhindern. Die Fahndung galt Leuten, die wie brave DDR-Bürger am mecklenburgischen Strand in der Sonne lagen, in Wahrheit aber nichts anderes im Sinn hatten, als über die Ostsee in den Westen zu fliehen. Unter dem dringenden Verdacht, zu diesen Staatsfeinden zu gehören, wurden eines Tages eine Diplom-Biologin und ein Diplom-Chemiker aus Rostock festgenommen. Um ihnen die geplante Republikflucht nachzuweisen, war es nötig, das Faltboot zu finden, mit dem sie in See stechen wollten. Ortskundig wie er war, vermutete Hans-Jürgen D. das Versteck in einem Sumpfgelände im Hinterland. In dunkler Nacht ließ er darum die Frau auf einem schmalen Pfad durch den Morast vor sich herlaufen. Mit seiner Taschenlampe leuchtete er ihr nur knapp vor die Füße. Seine Absicht war, sie so nervös zu machen, daß sie aufgab und ihn zu dem Boot führte. Seine Rechnung ging auf.

In Frage steht vor allem der moralische Hintergrund des Diensteifers, mit dem der Leutnant Hans-Jürgen D. ehedem an der Grenze mitten in Deutschland tätig wurde. Doch Zweifel an der Moral der Pflichterfüllung kommen, was die eigene Person angeht, nicht ernsthaft zur Sprache.

In ihren "Grenzerprotokollen" und in den gerade erschienenen "Stasiprotokollen" läßt die Journalistin Gisela Karau aus Ostberlin ihre Auskunftspersonen reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Der große Vorzug dieser Methode springt ins Auge. Leute wie D. erweisen sich als Menschen aus Fleisch und Blut. Für den Kern des Problems aber sind sie nicht zuständig. Ihr eigenes Gewissen bleibt dispensiert, während sie auf die Obrigkeit verweisen, der sie gehorcht haben. Allenfalls räumen sie Unbehagen ein, mit dem sie aber allein fertig werden wollen. Wenn es dann doch brenzlig wird, deuten sie an, daß sich die Staatsfeinde viele Unannehmlichkeiten selber zuzuschreiben hatten. Ein Untersuchungsführer etwa hat immer sein Bestes getan, schon der Menschenrechtsfrage wegen. Außerdem hat er den Kaffee, der bei den Vernehmungen getrunken wurde, aus privater Tasche bezahlt.

Wenn sich alles so abgespielt hätte, wie es jetzt gewesen sein soll, sagt ein anderer, dann müßte er in einem gräßlichen Staat gelebt haben. Davon habe er freilich nichts gemerkt. Falsch verstandene Disziplin? Vielleicht, wahrscheinlich sogar. Wenn man ganz ehrlich sein soll, hat man sich selber zum Idioten gemacht. Das ist traurig, aber nicht mehr zu ändern. Der Mann, der so redet, hat "immer auf der ökonomischen Strecke gearbeitet". Die Berichte seiner Hauptabteilung über die Staatswirtschaft kamen auch ganz oben auf den Schreibtisch, und wenn der Genosse Erich Honecker sie las, dachte er, er stecke seine Nase in Hetzartikel der Westpresse. Die Wahrheit war aber, daß die DDR schon 1980 reif für den Konkurs war. Leider wollte es kein Verantwortlicher zur Kenntnis nehmen.

Die versammelten Widersprüche sind aus dem Leben gegriffen. Gefügt haben sich die Bediensteten des Ministeriums für Staatssicherheit, deren Aussagen Gisela Karau protokolliert, mit einer Ausnahme immer wieder. Die Ausnahme ist Andreas K., Jahrgang 1958, seinerzeit Oberleutnant im Personenschutz des MfS. Angesichts des Lebens und Treibens der DDR-Prominenz, zum Beispiel bei der Untersuchung eines Einbruchs in das "Freizeitobjekt" des Genossen Krenz, sind ihm die Augen aufgegangen, und er hat um Versetzung gebeten. Den Kopf hat es K. nicht gekostet, aber er wurde degradiert, und die Parteistrafe, die man ihm verpaßte, schmerzte ihn noch mehr. Das Schlimmste war der Konflikt mit seinem Vater, einem altgedienten Oberstleutnant der Spionageabwehr. Der hat sich immer noch nicht damit abgefunden, daß sein Staat mit hängenden Ohren kapituliert hat "wie Napoleon bei Waterloo". Seinem Sohn muß er heute halbwegs recht geben. Auch das gehört zur menschlichen Seite des Themas.

Stimmen aus einem "Heer von Ausgestoßenen", wie Gisela Karau meint. Um die Lebensperspektive ihrer Gewährsleute ist es gewiß übel bestellt. Die Protokolle sprechen, den Galgenhumor eingeschlossen, unverwechselbar die Sprache von Menschen, denen die letzte Planke unter den Füßen weggebrochen ist.