Von Gisela Dachs

Wer kennt schon einen Juden in Deutschland? Eintausendfünfhundert Schüler besuchten Ende der siebziger Jahre das Kepler-Gymnasium im nordbayerischen Städtchen Weiden. Daß auch ein Jude darunter war, konnte jeder in den Jahresberichten nachlesen. Neben Geburtsdatum, Beruf des Vaters und Wohnort stand als Religion bei Michael Brenner die Abkürzung "israel.". Es gab Studienräte in dieser Schule, die sich im Geschichtsunterricht mit der Vergangenheit auseinandersetzten, und andere Lehrer, die geschwind über die Zeit des Nationalsozialismus hinweghuschten.

Michael Brenner wurde damals von der ersten Kategorie unterrichtet. Ohne eigenes Zutun avancierte er "zum Experten für Judentum und zum Botschafter Israels". So habe er überhaupt angefangen, sich mit seiner Herkunft zu beschäftigen. 1981 gewann er den ersten Preis beim Schülerwettbewerb des Bundespräsidenten zur deutschen Geschichte. Das Thema: Jüdischer Alltag im Nationalsozialismus – Am Beispiel Weiden.

Klar gab es antisemitische Briefe nach dem Wettbewerb, aber ist das etwas Besonderes für Juden? Was Michael Brenner, heute 28 Jahre alt, viel mehr störte, war, daß es in Weiden keine jüdischen Gleichaltrigen gab, mit denen er sich hätte austauschen können. Zum Beispiel über sein vom Holocaust geprägtes Elternhaus. "Zu Hause war die Geschichte immer im Bewußtsein, auch wenn nicht viel darüber gesprochen wurde." Und der Blick auf die Geschichte war ein anderer als der seiner 1499 Mitschüler.

In Weiden leben heute vielleicht 50 Juden, in Frankfurt, der zweitgrößten Gemeinde nach Berlin, sind es rund 5500. Lange schon gibt es dort eine jüdische Schule. Vor dem Eingang in der Savignystraße steht rund um die Uhr ein Polizeiauto. Jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn wird das Gelände eine Stunde lang nach Bomben abgesucht. Die Kinder haben sich längst daran gewöhnt, daß israelische Wächter den Eingang kontrollieren, daß deutsche Polizisten schwere Waffen tragen. Manche Eltern finden die Sicherheitsvorkehrungen übertrieben, andere sagen: Besser zuviel Sicherheit als ein Toter.

Ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust leben Juden in Deutschland noch immer im Ausnahmezustand – in diesen Tagen mehr denn je. Ganz selbstverständlich drücken seine Kinder der deutschen Mannschaft die Daumen, erzählt der Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde in Frankfurt, Stefan Szajak, wenn die Bundesrepublik gegen Holland Fußball spielt. Die älteren registrieren das mit Verwunderung, die jüngeren finden es in Ordung.

Doch spätestens seit Rostock hat die Nationalmannschaft ein paar Fans verloren. Rostock steht nicht nur für Molotowcocktails gegen Fremde, für das Zaudern der Polizei, für die applaudierend-sympathisierende Bevölkerung – für die Juden bedeutet Rostock auch die Ausgrenzung aus der nationalen Zugehörigkeit, nachdem dort der Vorsitzende des Innenausschusses der Bürgerschaft, Karlheinz Schmidt, den Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, fragen konnte: "Sie sind deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ihre Heimat ist doch Israel. Ist das richtig so?" Seither fragen Juden zurück in diesem Land: Kann man hier noch leben? Das Bild der gepackten Koffer wird wieder virulent. Seit Rostock ist Deutschland nicht nur ein Einwanderungs-, sondern auch ein potentielles Auswanderungsland.