Von Daniel Vernet

PARIS. – Frankreichs Haltung in der Jugoslawienkrise wird geprägt von ganz richtigen Voraussagen, einer halbrichtigen Analyse und einer völlig falschen Politik. Die tiefsitzende Bindung an den Einheitsstaat, die traditionelle Allianz mit Serbien, die Furcht vor instabilen Verhältnissen – das sind lauter gute Gründe, die erklären, warum Frankreich zu den Anhängern des Vielvölkerstaates Jugoslawien und den letzten Gegnern einer Anerkennung Kroatiens und Sloweniens gehörte.

Staatspräsident François Mitterrand lag ja nicht falsch, als er die Auferstehung von "Stämmen" in Jugoslawien und anderswo in Osteuropa vorhersah, sobald die Grenzen verändert, das Recht auf Selbstbestimmung vorbehaltlos anerkannt und separatistisches Streben ermutigt würden. Mit den Stämmen würde das Stammesdenken wiedererwachen, die Ausgrenzung anderer und als Folge davon Krieg.

Doch sollte man Slowenen und Kroaten das Recht auf ihren eigenen Staat, auf ihre Unabhängigkeit von einem Jugoslawien, in dem der kommunistische Apparat Serbiens weiterhin tonangebend war, deshalb verweigern? Die französische Theorie war folgende: Es gibt zwei Kategorien von Menschenrechten – kollektive, wie das Recht eines Volkes auf Selbstbestimmung, und individuelle, wie das demokratische Prinzip "ein Mensch, eine Stimme" oder auch den Schutz von Minderheiten. In Jugoslawien müßten beide verknüpft werden, so meinte man 1990 und 1991 in Paris, ohne das Recht der Völker auf Selbstbestimmung über die individuelle Freiheit zu stellen. Diese hätte gerade ausschlaggebend sein müssen in einem Land, in dem verschiedene ethnische Gruppen eng verzahnt leben.

Doch Selbstbestimmung bedeutete in der Praxis, Grenzberichtigungen, Bevölkerungsverschiebungen, Konflikte bis hinein in die Familien in Kauf zu nehmen. Mit welchem Recht wollte man Kroaten, Serben und die Muslime aus Bosnien-Herzegowina noch zwingen, miteinander zu leben, wenn man die Trennung von Kroaten und Serben auf föderalem Niveau akzeptiert?

So zögerte Frankreich, Deutschland Ende 1991 bei einer Anerkennung der "abgefallenen" Republiken zu folgen.

Die französische Regierung hingegen drängte die Vereinten Nationen, sich um die Krise in Jugoslawien zu kümmern, was die Vereinigten Staaten und Großbritannien damals ablehnten. Frankreich forderte auch die Entsendung von Blauhelmen; inzwischen stellt das Land mit über 4750 Mann das stärkste Kontingent der UN-Streitkräfte.