Von Günter Nötzold

Die Transformation von der Plan- zur Marktwirtschaft in den neuen Bundesländern ist kein Selbstzweck. Sie zielt auf eine leistungsfähige, international wettbewerbsfähige Wirtschaft und natürlich auf einen dem westdeutschen vergleichbaren Wohlstand. Das ist seit der Wende so oft wiederholt worden, daß es schon abgenutzt erscheint. Aber mit der Abnutzung wurden die Ziele auch verwässert.

Schon wird von Deindustrialisierung gesprochen und bezweifelt, daß sich die Wirtschaftsleistung in den neuen Bundesländern in absehbarer Zeit vergleichbar mit Westdeutschland entwickelt. Immer öfter taucht die Vorstellung auf, die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Ostens müsse durch Billigangebote gesichert werden. Die Sanierung vorhandener Kapazitäten findet wesentlich größere Aufmerksamkeit als der Strukturwandel. Deshalb ist die Angleichung der ostdeutschen Löhne und Gehälter an das westdeutsche Niveau ins Zwielicht geraten. Steigende Arbeitskosten gelten als unvereinbar mit der angestrebten Wettbewerbsfähigkeit.

Aber die Arbeitskosten haben in Deutschland als Wettbewerbsfaktor ein wesentlich geringeres Gewicht, als häufig angenommen. Niedrige Arbeitskosten sind keineswegs generell die Voraussetzung für den Erfolg im Wettbewerb. Die Wirtschaft der alten Bundesländer ist trotz steigender Arbeitskosten immer wettbewerbsfähiger geworden. "Made in Germany" zeichnet sich durch Werte wie Qualität, Innovationskraft, Zuverlässigkeit, Kontinuität, Kundenorientierung, Zeitvorsprung, guten Service und anderes aus.

In der früheren DDR haben niedrige Arbeitskosten nur begrenzt die Wettbewerbsfähigkeit erhöht. Viele ihrer Exporte mußten trotz niedriger Löhne noch subventioniert werden und hatten Absatzschwierigkeiten.

Angesichts dieser Erfahrungen ist es erstaunlich, wie groß gegenwärtig die Versuchung ist, Wettbewerbsfähigkeit auf die Arbeitskosten zu reduzieren. Natürlich sind Löhne ein Wettbewerbsfaktor. Ihr Stellenwert ist um so größer, je weniger sich die Qualität des Angebots von anderen Wettbewerbern unterscheidet, und er sinkt mit dem eigenen qualitativen Vorsprung.

Trotzdem darf man die Löhne nicht ausklammern. Bessere Qualität hat ihren Preis, weil sie entsprechend gute und teure Arbeitskräfte voraussetzt. Auf den Märkten lassen sich aber nur solche qualitativen Fortschritte realisieren, die auch nachgefragt werden. Vom Kundennutzen losgelöste Sprünge bei Qualität und Kosten kann es nicht geben. Aber die Nachfrage nach Qualität steigt schneller als die nach mehr Quantität.