Von Dieter E. Zimmer

Das schlimmste an der Migräne, dem seit dem Altertum bekannten "Halbschädelschmerz", ist noch nicht einmal der pulsierende Kopfschmerz selber, obwohl er höllisch sein kann. Es sind, für sich genommen, auch nicht die Magen- und Darmstörungen (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall), die sich während der Anfälle meist einstellen, der Widerwille gegen alles Helle und Laute, die Schmerzquittung schon für die geringste körperliche Anstrengung. Das schlimme ist der Verbund dieser Symptome und die seelische und intellektuelle Depression, die mit ihm einhergeht und sich nur in einer ärmlichen defensiven Reizbarkeit äußern kann: Laß mich in Ruhe, Welt! Nach ein, zwei Tagen zwar gibt sich diese umfassende Persönlichkeitsreduktion meist von selber, in der Regel ohne Folgen zurückzulassen, aber mit großer Wahrscheinlichkeit kehrt sie wieder, wenn nicht nächste Woche; dann übernächste.

Mindestens sechzehn Prozent aller Frauen, mindestens neun Prozent aller Männer raubt diese Krankheit einen Teil ihres Lebens. Sie lehrt sie auch Resignation. Die Mitwelt nimmt die Migräne nicht ernst, hält den Migräneur gern für einen Hypochonder oder gar Simulanten. Der Arzt hat ihr nicht viel entgegenzusetzen, und bei vielen Kranken haben die wirksamen Medikamente so ungünstige Nebenwirkungen, daß ihnen die Migräne selber am Ende das kleinere Übel scheint. Und in der Pharmaforschung hat die Migräne keine Priorität – sie ist eine der leisen Volkskrankheiten, gegen die niemand rebelliert, Zwar verursacht sie in Gestalt vieler Tage verminderter Arbeitsfähigkeit auch hohe volkswirtschaftliche Kosten; aber vorsichtshalber rechnet so nie jemand.

Das verbreitetste Migränemedikament ist nach wie vor die gute alte Azetylsalizylsäure, vulgo Aspirin, die im günstigen Fall wenigstens dem Schmerz die Spitze abbricht. Das einzige spezifische Mittel, das allgemeine Verbreitung gefunden hat, das Mutterkorn-Alkaloid Ergotamin, ist inzwischen auch ein halbes Jahrhundert alt. Es ist eine potente, aber problematische Droge, nicht nur wegen ihrer unmittelbaren Nebenwirkungen (Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit, eventuell Muskel- und Brustschmerzen und Kribbeln), sondern weil sie den sich anbahnenden Anfall nur dann kupiert, wenn sie ganz am Anfang eingenommen wird, weil die Kranken außerordentlich unterschiedlich auf sie reagieren und weil die ständige Einnahme sowohl die Schwere wie die Häufigkeit der Migräneanfälle erhöht.

In der leisen Welt der Migräneure hat sich darum die frohe Botschaft, daß ein völlig neuartiges Medikament jetzt vielen von ihnen wirksame Hilfe bringen könnte, wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Es handelt sich um eine Chemikalie namens Sumatriptan, an der der britische Pharmakonzern Glaxo seit 1972 forscht und die unter dem Namen GR 43175 lange Jahre nur ein pharmakologisches Gerücht war. Im Juni 1991 wurde sie – unter dem Handelsnamen Imigran – in den Niederlanden erstmals zugelassen, und inzwischen gibt es sie in fünfzehn Ländern, darunter Großbritannien, Schweden, Luxemburg und Dänemark. 1990 wurde auch die Zulassung in Deutschland beantragt; voraussichtlich wird sie irgendwann im Jahre 1993 erteilt werden.

In der Zwischenzeit machen viele Migräneure in Deutschland von der Möglichkeit Gebrauch, sich das Medikament von ihrem Arzt verschreiben und von einer Apotheke aus dem Ausland besorgen zu lassen. Sie müssen es dann nur selber bezahlen. Und da es teuer ist, je nach Herkunftsland 41 bis 61 Mark pro Dosis, gehört für sie zu jedem Kopfschmerz seitdem, als Vorläufersymptom, ein Kopfzerbrechen: Wird das heute ein Sechzig-Mark-Anfall?

Eine Reihe von internationalen Studien, an der über die Jahre hin viele Tausende Migränekranke teilgenommen haben, haben die Wirksamkeit von Sumatriptan bestätigt. Bei etwa zwei von drei Migräneuren reduziert es innerhalb von zwei Stunden den Schmerz oder beseitigt ihn ganz und mit ihm die Übelkeit und die Photo- und Phonophobie, auch dann, wenn der Anfall bei der Einnahme schon voll entwickelt war, und gleichgültig, ob es sich um eine "gewöhnliche" oder eine "klassische" Migräne (mit einer der Schmerzphase vorausgehenden "Aura") handelt. Seine Nebenwirkungen scheinen hinnehmbar zu sein; nur Müdigkeit tritt häufiger auf als bei Ergotamin-Präparaten. Da es zwar den Anschein hat, aber noch nicht bewiesen ist, daß Sumatriptan die Blutversorgung des Herzmuskels wirklich nicht beeinträchtigt, müssen Migräneure mit koronaren Durchblutungsstörungen jedoch Vorsicht walten lassen.