Von Hansjakob Stehle

"Selbständigkeit an sich vermag keine Nation zu retten"

Tomaš Masaryk. 1895 Rauher Wind treibt welke Blätter und Wolken rußigen Rauchs über die March, den Fluß, der auf tschechisch und auf slowakisch Morava heißt. Bald, in der Sylvesternacht, wird er Teil einer neuen, 220 Kilometer langen Grenze – mitten in jenem "Europa ohne Grenzen", um das sich Politiker am grünen Tisch so bemühen ...

Noch ist von Schlagbäumen an den sieben geplanten Übergängen nichts zu sehen, auch keine neuen Grenzsteine verunzieren das Gelände. Nur im Gebüsch sind einige verwitterte übriggeblieben, auf denen ein schlecht übermaltes "D" Hitlers "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren" markierte, ein "S" seinen slowakischen Vasallenstaat – verblaßte Geschichte für die Menschen diesseits wie jenseits der March. Ihre zwei Sprachen unterscheiden sich wie eh und je kaum voneinander, weniger jedenfalls als etwa Plattdeutsch und Bayerisch. Die meisten, zumal der jungen Generation, fiebern keineswegs ihrem neuen Nationalstaat entgegen, der slowakischen oder der tschechischen Republik. Die Zeitungen zählen zwar – als sei es der Countdown eines Raketenstarts – die Tage bis zum 1. Januar 1993, dem Scheidungstermin der ČSFR. Im Gemisch aus banger und froher Erwartung überwiegt jedoch bei den Menschen die Sorge, wie es weitergehen wird.

Noch leben sie auf beiden Seiten der March im gleichen "postsozialistischen" Alltag mit ungewissen Arbeitsaussichten, aber auch verwöhnt durch Freizeit und Konsumwunder. Noch pendeln sie ohne Halt zwischen dem slowakischen Holic und dem größeren, mit noch häßlicheren Wohnsilos verbauten mährischen Hodonin, das nur sechs Kilometer entfernt liegt. Gleich hinter der Grenzbrücke sieht und riecht man schon, wovon die Stadt lebt: riesige verrottete Erdöl-, Erdgas- und Braunkohlekombinate, Ziegel- und Zuckerfabriken. Hodonin ist voll emsiger Betriebsamkeit, voll alter Autos und neuer Läden. Beim Fleischer, wo der feine Prager Schinken liegenbleibt, weil frische slowakische Bauernwurst billiger ist, drängen sich die Kunden und schwatzen miteinander, durcheinander in beiden Sprachen ...

So, wie es immer schon in Hodonin war, auch als es Göding hieß und Tomaš Masaryk, der Schöpfer der Tschechoslowakei, hier 1850 geboren wurde. Der Sohn einer tschechischen Köchin und eines slowakischen Kutschers war wider Willen Untertan des Kaisers Franz Josef; er haßte das "Habsburgische Wienertum", verfocht jedoch eben in Wien als Philosophieprofessor wie als Reichsratsabgeordneter (bis 1914) seinen "kritischen Realismus" in gepflegtem Hochdeutsch und voll slawischer Nationalromantik. In Masaryks widerspruchsvoller Gestalt und seiner Vision vom "Neuen Europa" spiegelt sich jene Verstrickung von nationalen und übernationalen Ideen, die bis in die gegenwärtige tschechoslowakische Trennungskrise nachwirkt.

Masaryk selbst bezeichnete sich als "unheilbaren Pazifisten, der innerlich den Krieg erwartete", weil nur der Untergang des österreichischen Vielvölkerstaates den neuen demokratischen Nationalstaaten und übernationalen Zusammenschlüssen eine Chance zu verschaffen schien. Schließlich hatte ein "Ausgleich", der den Österreichern mit den Ungarn gelungen war (1867), keineswegs deren tausendjährige Herrschaft über die Slowaken beendet.