Haarscharf sei die Erde an einer kosmischen Katastrophe vorbeigeschlittert, hieß es vergangene Woche in einer Pressemeldung aus Washington. US-Wissenschaftler hatten den Vorbeiflug des Kleinplaneten Toutatis genutzt, um auf die Gefahr einer verheerenden Kollision zwischen solchen Asteroiden und der Erde hinzuweisen – und um sich selbst in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken.

In einer internationalen Kooperation untersuchten Astronomen aus der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten GUS, Europa und den USA den erst seit kurzem bekannten Kleinplaneten, um Genaueres über seine Größe, Bahn und andere Eigenschaften zu erfahren. Von vornherein war klar, daß sein ungewöhnlich naher Vorbeiflug keine Gefahr bedeuten werde, auch wenn ihn seine französischen Entdecker 1989 nach Toutatis, dem gallischen Gott des Schreckens und Krieges, benannt hatten. "Es war eine einmalige Gelegenheit für präzise Messungen", meint Richard Wielebinski, Direktor des Bonner Max-Planck-Instituts für Radioastronomie. "Immerhin ist Toutatis mit sechs Kilometer Durchmesser doppelt so groß wie ursprünglich angenommen."

Damit gehört der Asteroid zu den fünfzig größten bekannten Objekten, welche die Bahn der Erde kreuzen; sie sind "Bauschutt" aus der Zeit der Entstehung des Sonnensystems. Am 8. Dezember um 7.03 Uhr kam Toutatis der Erde am nächsten mit vier Millionen Kilometer Abstand. Auf pfiffige Weise hatten die Astronomen ihn ins Visier genommen: Russische und ukrainische Forscher sendeten mit einem großen Radioteleskop von der Krim am Schwarzen Meer aus mit hoher Leistung (100 Kilowatt) Radarsignale auf den anfliegenden Toutatis. Dessen "Radarechos" wurden dann vom größten beweglichen Radioteleskop der Welt in Bad Münstereifel-Effelsberg registriert. Als der Asteroid an Europas Horizont verschwunden war, begannen ähnliche Messungen der Amerikaner, die mit einem Teleskop in Kalifornien sendeten und in Puerto Rico empfingen. Allerdings warteten die US-Forscher gar nicht ihre Messungen ab, sondern gingen mit alten Daten an die Presse. Selbstdarstellung gehört eben zu ihrem System, sich Mittel zu beschaffen (siehe auch DIE ZEIT Nr. 49, S. 44).

Als vor zwanzig Jahren ein Zehn-Meter-Asteroid über Kanada flog, da wurde er von der US-Radarüberwachung zunächst als atomarer Überfall der Sowjets mißdeutet. Heute sucht man gemeinsam nach einer außerirdischen Bedrohung. Auch wenn die Forscher sich dabei die Show stehlen – solche Konkurrenz erträgt man gerne.

Arkadij Sosnow

(Der Autor war als Gast aus St. Petersburg in der ZEIT-Redaktion)