Zwei Schauplätze in Berlin. So verschieden, wie sie nur sein können. Im Osten, gleich neben der 250 Jahre alten Oper Unter den Linden, die "Kommode", einst königliche Bibliothek, seit 1910 Teil der Humboldt-Universität. Im Westen der Henry-Ford-Bau, das Hauptgebäude der nach dem Krieg eingerichteten Freien Universität.

An beiden Orten diskutieren Jurastudenten über ein Thema: die Prozesse gegen Erich Honecker und Mauerschützen. Die Debatten sind so verschieden wie die Plätze, an denen sie geführt werden. Und wie die Biographien, für die diese Plätze stehen.

Den Strafrechtler Detlef Krauß hat es nach elf Jahren Basel an die Humboldt-Universität gezogen. Das verschaffe ihm hier im Osten einen "Neutralitätsbonus", sagt er, gleichsam einen Vertrauensvorschuß, den Westdeutsche erst einmal erwerben müssen. Denn: "Wie ist schon jungen Verlierern zumute, wenn wir älteren Sieger sie belehren?"

Vor Beginn der Veranstaltung hat Detlef Krauß so etwas wie stellvertretendes Lampenfieber. Nicht um seinen Auftritt ist ihm bange. Die "Wendesemester", so erinnert er sich, waren "aus Hilflosigkeit aggressiv", haben sich jeder offenen Diskussion verschlossen. Und diese hier, die zur Wendezeit noch Abiturienten waren?

Krauß eröffnet seine Vorlesung, die sich zu einer faszinierenden Debatte entwickeln wird, mit einer Frage, in der eine Vermutung steckt: "Macht Ihnen die Diskussion über Vergangenheit Mühe?"

Zunächst hat dies den Anschein. Das Auditorium wirkt hilflos, passiv. Unmutsäußerungen sind erste Beiträge. "Diese Prozesse gegen Honecker und die Mauerschützen werden durch die Presse so breitgetreten", klagt eine junge Frau, "ich kann das nicht mehr hören." Eine andere moniert: "Hier wird doch später gesetztes Recht auf Fälle von früher angewandt." Auch zu Erich Honecker, der ein paar Tage zuvor seinen Richtern vorgehalten hatte, "der Rechtsstaat Bundesrepublik ist nicht ein Staat des Rechts, sondern ein Staat der Rechten", fällt den angehenden Juristen nichts Brauchbares ein. Noch steht die innere Abwehr.

Der Rechtshistoriker Uwe Wesel – ein stadtbekannter "Linksradikaler", wie er sich selbst liebevoll-ironisch nennt – hat mit seinen Studenten andere Probleme. Er kann im Westen nicht darauf bauen, daß seine Hörer den Stoff beherrschen. Er referiert erst einmal, eine Dreiviertelstunde lang, worum es geht in diesen Prozessen. Und auch später muß er immer wieder tagespolitische und zeitgeschichtliche Hilfestellung leisten.