"Denn es ist nichts verborgen, das nicht offenbarwerde, auch nichts Heimliches, das nicht kund werde und an den Tag komme."

Der Evangelist Lukas 8,17

Es gibt Tage, da sehnt sich Hartmut Stegemann in die Einsamkeit seiner Studierstube zurück. Ohne Unterlaß klingelt das Telephon in seinem Büro an der Universität Göttingen. Kirchengemeinden, Akademien und Schulen bitten zum Vortrag. Alle zwei Wochen hält Stegemann, evangelischer Professor für Neues Testament, derzeit außerplanmäßige Vorlesungen für atemlose Laien ab. Immer vor berstendem Haus. Das Auditorium spitzt die Ohren und hängt an den Lippen des begehrten Gelehrten.

Auch sein katholischer Kollege Heinz-Josef Fabry, Professor für Altes Testament in Bonn, ist der Garant für volle Säle. 200 bis 300 Leute quetschen sich immer herein, wenn Fabry spricht, selbst "auf den letzten Dörfern im Bergischen Land".

Dabei ist der Gegenstand, über den zu hören das Volk in Haufen drängt, nicht gerade brandneu. Es geht um Fetzen aus vermoderten Tierhäuten und Papyrus aus den biblischen Zeiten von vor 2000 Jahren: die Rollen von Qumran.

Der wahre Jesus

Auslöser für den Ansturm auf die Theologen ist ein Buch: "Verschlußsache Jesus". In diesem Bestseller warten die amerikanischen Journalisten Michael Baigent und Richard Leigh mit provokanten Thesen auf: Die alten Schriftrollen, die vor über vier Jahrzehnten am Toten Meer gefunden wurden und seither in Jerusalem aufbewahrt werden, enthielten brisante Wahrheiten über das wahre Leben Jesu und die Gemeinde der Urchristen. Vom Vatikan streng unter Verschluß gehalten, seien sie nur einem verschworenen Wissenschaftlerzirkel zugänglich, denn ihre Veröffentlichung drohe den christlichen Glauben in seinen Grundfesten zu erschüttern. Mit der Macht der Inquisition wolle Rom das gängige Jesusbild retten, denn der christliche Erlöser sei keineswegs der milde Friedensbringer gewesen, sondern vielmehr ein radikaler politischer Rebell, dessen verklärtes Zerrbild erst durch die Intrigen des Apostel Paulus – angeblich ein römischer Agent – verbreitet worden sei.