Von Georg Blume

Im Herzen der japanischen Nordinsel Hockaido, jenseits der grünen Bergwiesen unterhalb des dampfenden Tokachi-Vulkans liegt der kleine Bauernhof von Kazuo Takahashi. Auf dreißig Hektar Land baut der 41jährige Bauer Reis und Kartoffeln an. Daneben hat er Wiesen für sein Vieh gepachtet. "Suleswigu-Holustena", grinst Takahashi-san und zeigt auf seinen neuausgebauten Kuhstall mit hundert schwarzweiß gefleckten Tieren aus Schleswig-Holsteiner Zucht. Doch nur wenige japanische Bauern können dieser Tage noch lachen wie er.

In Tokio nämlich plant die Regierung den Tabubruch: Sie will das japanische Importverbot für Reis aufheben. Die Fortschritte bei den Gatt-Gesprächen über ein internationales Zoll- und Handelsabkommen haben Tokio in Zugzwang gebracht. Bis Ende Januar, so mußte Premierminister Kiichi Miyazawa kürzlich dem angereisten EG-Kommissar Frans Andriessen versprechen, werde die Regierung eine "politische Entscheidung" über den Reishandel treffen. Für diesen Fall aber erwartet die ganze Welt von Japan das Ende des anachronistischen Einfuhrstopps.

Im weit entfernten Norden Hokkaidos nimmt Bauer Takahashi die politischen Entwicklungen in Tokio mißmutig zur Kenntnis. Er selbst gehört nicht zu denen, die sich bei der Regierung beklagen: Vor sechs Jahren, als Anschaffungskosten und Zinsen ihr Tief erreicht hatten, investierte er in den neuen Kuhstall. Jetzt sind die Schulden abbezahlt und die Überlebensfähigkeit des Familienbetriebs auf Jahre abgesichert. "Ich wollte selbständig sein", murmelt der 41jährige bescheiden. "Doch ich möchte nicht in der Haut derer stecken, die jetzt in Tokio demonstrieren."

Mit fünfzig amerikanischen Traktoren waren zehntausend von ihnen vor wenigen Tagen durch die Hauptstadt gezogen: Reisbauern von den großen Flächen Hokkaidos, aus den engen Tälern der warmen Südinsel Kyushu, überall dorther, wo in Japan noch Terrassen die Hänge bedecken und Bewässerungsgräben die Flüsse entleeren. In Tokio drohten die Bauern: "Unser Land stirbt!" Ihre Forderung lautete einfach: "Haltet Euch an das Gesetz!" Tatsächlich verbietet in Japan seit 1982 eine Parlamentsresolution zur "Nahrungsmittelsicherheit" den Import von Reis.

Mit einer Lockerung des Importverbots hätten Japans Bauern alles zu verlieren: Schon heute zahlt der japanische Verbraucher für Reis das Siebenfache des Weltmarktpreises. Bedenkt man, daß der japanische Reisbauer nur durchschnittlich 0,59 Hektar bebaut, dann ist auch dieser Preis nicht hoch. Tatsächlich läßt sich die japanische Reiswirtschaft auch mit Robotern nicht rationalisieren: Dafür sorgt Nippons zerklüftete Vulkanlandschaft, in der früher jedes Stück Ebene, wenn auch nur quadratmetergroß, für die Bauern wertvoll war. Nun zu erkennen, daß all die Mühe inzwischen zwecklos und Japans Landwirtschaft in keinem Talwinkel mehr konkurrenzfähig ist – dazu sind auch heute nur wenige Japaner bereit.

Dabei geht es natürlich nicht nur um Reis. Es geht um die Liebe zu Land und Heimatdorf, die in einer erst vor wenigen Jahrzehnten verstädterten Gesellschaft weiterhin lebendig ist. So erklärt sich auch der politische Konsens in der Reisfrage: Zwanzig Millionen Japaner oder sechzehn Prozent der Bevölkerung gehören immer noch einer Bauernfamilie an, wenngleich nur fünfzehn Prozent dieser Familienmitglieder vollberuflich in der Landwirtschaft tätig sind. Mit der Unterstützung dieser zwanzig Millionen konnten bisher die seit 37 Jahren regierenden Liberaldemokraten rechnen. Ein ungeschriebenes politisches Gesetz besagte früher, daß die Regierung nicht stürzen kann, solange die Bauern auf ihrer Seite stehen. Läuft nun das Bauernvolk zu den linken Sozialdemokraten über?