Er verbreite "Staatsverdrossenheit" und unterstütze damit die anarchistischen Gewalttäter. Nicht müde werde er, "diesen unseren Staat als das gesetzgewordene Böse zu diffamieren". Sympathisanten des Linksfaschismus wie er seien "nicht einen Deut besser als die geistigen Schrittmacher der Nazis".

So dröhnte es in den siebziger Jahren – Ziel der Diffamierungen: Heinrich Böll. Die Ausstellung im Historischen Archiv in Köln (bis 23. Januar), die dem Schriftsteller gewidmet ist, erinnert an die Terrorismus-Diskussion und den deutschen Herbst 1977. Die Diskussion um Böll hatte mit seinem Spiegel-Aufsatz "Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit?" begonnen, es folgte eine Hetzkampagne gegen ihn in den Medien. All das mündete in einer spektakulären Observierungsaktion des Bundeskriminalamtes nach der Entführung von Hanns Martin Schleyer, da es den "begründeten Verdacht" gegeben habe, daß Ulrike Meinhof auf der Flucht in Bölls Haus in Langenbroich in der Eifel Unterschlupf finden könne.

Die Aufregung in Bonn, die damals herrschte, und das Aufgebot der Staatsmacht, zu dem es kam – dies läßt sich nicht annähernd mit dem vergleichen, was heute geschieht angesichts der Erfahrungen mit dem Terrorismus von rechts. Aber die Aufregung in Bonn hält sich sonst doch vergleichsweise in Grenzen.

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Bei der Ursachensuche allerdings zeigen sich erstaunliche Parallelen. In Medien werden vereinzelt sogar schon wieder die Linksintellektuellen als Täter ausgespäht wie damals Böll. Das klingt dann so: "Hier liegt eine Gefahr, die uns noch beschäftigen wird, wenn die letzten Neonazis längst ins Rattenloch zurückgescheucht worden sind." Solche Behauptungen finden sich wie zu Zeiten des deutschen Herbstes 1977 auch heute in der Welt. Unverhohlen endet ein Leitartikel, der sich mit Jürgen Habermas und Manfred Frank befaßt, in der Anklage, mit ihrer pseudointellektuellen Demokratieverachtung machten sie sich eines "philosophisch verbrämten Faschismus" schuldig. Zum Schluß steht da: "Der Schoß ist fruchtbar noch, auch nach dem 9. November 1989." Damals war der Verfassungsfeind Heinrich Böll, heute heißt er Habermas oder Frank, weil beide mit Leidenschaft die Verfassung verteidigen.

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Den "Schwerpunkt der Arbeit der britischen Botschaft" bilden die fünf Ostländer, hat Sir Christopher Mallaby in einer Bilanz seiner fünfjährigen Botschaftertätigkeit in Bonn geschrieben. Mallaby, der für sein Land nach Paris geht, nennt in einer Abschiedskolumne für den Bonner General-Anzeiger diplomatisch seine Jahre in Deutschland "faszinierend". Sie seien von einer "hervorragenden Zusammenarbeit" geprägt gewesen.

Der Botschafter, der sich hohen Respekt verschafft hat, erlebte in Wahrheit Jahre, die recht kompliziert waren für die deutsch-britischen Beziehungen; in Bonn überschattet von Ärger über Londons Rolle bei der Vereinigung oder über Margaret Thatcher, in London vom Unmut über den großkotzigen Kanzler, die Bundesbank, Volker Rühe. Mallaby wird bescheinigt, viel kanalisiert, ausgeglichen und geglättet zu haben. Seine Erfolgsbilanz gilt kühl und selbstbewußt vor allem den britisch-ostdeutschen Beziehungen. Sehr überlegt, very British. Gunter Hofmann