Krise hin, Krise her, Bundeskanzler Helmut Kohl bleibt auch in diesem Jahr der Größte, zumindest für die Karikaturisten. Rechtzeitig zum Jahresende hat Walther Keim, Leiter der Pressedokumentation des Deutschen Bundestages, die Hitliste der Politiker-Karikaturen des Jahres 1992 zusammengestellt. Das Topmodell Kohl steht unangefochten an der Spitze der Liste der zwanzig besten Kurswerte. Er war 1992 in 120 ausgewerteten deutschen Tages- und Wochenzeitungen 1930mal Subjekt des Spottes. Damit hat Kohl wieder einen Sprung nach vorn gemacht, wenn auch nur einen kleinen: 1991 erzielte er 1904 Abdrucke. Zum ganz großen Sprung holte sein Rivale, der SPD-Vorsitzende Björn Engholm, aus. 1991 lag er noch an sechster Stelle (352 Abdrucke), jetzt ist er nach Kohl schon Zweiter (984 Abdrucke).

Trotz krisenhafter Wirtschaftsentwicklung, Hochkonjunktur für Karikaturisten, befinden sich die Wirtschaftsakteure selbst deutlich im Abschwung. Finanzminister Theo Waigel rutschte vom zweiten auf den dritten Platz ab, immer noch besser plaziert als Wirtschaftsminister Jürgen W. Möllemann. Der Fallschirmspringer aus Münster befindet sich im freien Fall nach unten. 1991 auf Platz drei, reichte es jetzt nur für den neunten Rang. Das paßt so gar nicht in das ironisierende Bild, das Manfred Richter, parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Fraktion, vom Wirtschaftsminister gezeichnet hat. Richter in einer kabarettistischen Einlage auf der Weihnachtsfeier der FDP-Fraktion: "Der Möllemann ist ja in letzter Zeit so staatstragend geworden, den könnte man jetzt ohne Umweg über den Bundesvorsitz der FDP direkt zum Bundespräsidenten wählen." Die Reaktion: dröhnendes Gelächter.

Die deutschen Karikaturisten sind im übrigen weiter männlich orientiert. Auf der Hitliste findet sich nur eine einzige Frau: die ÖTV-Vorsitzende Monika Wulf-Mathies. Sie erreichte mit 248 Abdrucken Platz zehn. Der ÖTV-Streik vom Frühjahr machte es möglich. Die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, 1991 auf Platz sechzehn (51 Abdrucke), gab in diesem Jahr kaum Anlaß für Spott. Walther Keim, seit kurzem Professor an der Uni Münster und schon seit langem Sammler von Politkarikaturen, findet die beispiellose Abfuhr bemerkenswert, die Deutschlands Karikaturisten dem rechtsextremen Republikaner Franz Schönhuber – trotz des generellen Booms für Politiker-Karikaturen – erteilt haben. 1989 Elfter der Hitliste, wurde er jetzt mit 19 Zeichnungen zur Randfigur. Keim: "Satirische Makulatur."

Nur eine Nebenrolle spielte auch ein Politiker, der jüngst mit seinem Rücktritt für Schlagzeilen gesorgt hat: Postminister Christian Schwarz-Schilling. Dabei gibt die Begründung für seinen Abschied reichlich Stoff für Satire. Angesichts der Tatenlosigkeit der Regierung im Jugoslawienkonflikt reklamierte Schwarz-Schilling Treue zu moralischen Prinzipien und politischen Grundsätzen; er nahm den Hut. Honorig? Mitnichten. Denn wo war dieser Minister in den vergangenen zehn Jahren, als anderswo die Menschenrechte mit Füßen getreten wurden? Wo war er in Sachen Chile, Südafrika, Iran, China, Türkei, Kurdistan? War er gar bei Argentiniens weinenden Müttern von der Plaza de Mayo? Schwarz-Schilling, ein Zerrbild von Moral.

Eine satirisches "Märchen von Übermorgen" mit nachdenklichen Untertönen stammt von einem Autor, der ungenannt bleiben möchte, weil die Ähnlichkeiten der Märchenfiguren mit lebenden SPDlern unvermeidlich sind. "Peter’s Berg Geschichte" handelt von Innereien der SPD und ihren Grundwerten. Man schreibt das Jahr 2292. 239 "Genoten" (das ist die SPD-Fraktion) befinden sich in einem Raumschiff, um in den Weiten des Alls die in alle Winde zerstreuten Grundwerte zu suchen und sie auf die Erde zurückzuholen. Dort harren die Zurückgebliebenen, Smol Eiländ (alias Björn Engholm), Spritz Wasser (Oskar Lafontaine) und Bruder Johann (Johannes Rau), der Heimkehr ihrer hehren Werte – Asyl und anderes. Nach Irrfahrten unter Kapitän Iks Open (Hans-Ulrich Klose) müssen die Genoten feststellen, daß ihre Grundwerte von den "Konserven" unter ihrem Führer Cabage (Helmut Kohl) okkupiert sind. Nur unter großen Mühen gelingt den Genoten, ihre Grundwerte zu sichern. Erfolgreich kehren sie zur Erde zurück. Smol Eiländ hält eine große Rede, ernennt sich zum Galaktischen Imperator, und der Kommunikationsandroide aller Genoten macht nur noch "Piep".

Wolfgang Hoffmann