Von Lajos Gubcsi

HAMBURG. – Viele Deutsche scheinen mir Mitglieder einer Flagellanten-Sekte zu sein, die zur Buße Selbstgeißelung üben. Sie bekennen sich in vielen Fragen weltweit schuldig. Immer übernehmen sie ein Stück Verantwortung: im Golfkrieg, beim Rechtsextremismus, in Fragen des Asyls und so weiter. Dabei überfordern sie sich. Sie sind unsicher, weil sie immer noch keine klare Identität haben. Wenn sie sich aber mit entblößtem Oberkörper weitergeißeln, werden sie noch mehr Wunden davontragen. Währenddessen wird die Tatsache ignoriert, daß die Bundesrepublik Deutschland eines der liberalsten Asylrechte der Welt hat.

Unterliegen die Deutschen einer anderen Verantwortung? Teilweise ja. Sie haben sich dieser Verantwortung mit der Aufnahme von zehn bis fünfzehn Millionen Flüchtlingen gestellt (vertriebene Deutsche, Gastarbeiter, Aussiedler, Asylbewerber aus politischen, humanitären, wirtschaftlichen Gründen). Die Belastbarkeit der West- und Ostdeutschen ist nach der Vereinigung ohnehin überfordert. Drei Nachkriegs-Generationen haben eine klare Antwort darauf gegeben, ob es immer noch um die "bösen Deutschen" geht: Nein.

Natürlich ist die Bevölkerung verwirrt. Es gibt kein anderes Land in der Welt, das den gigantischen Belastungen der Vereinigung, des instabilen osteuropäischen Raumes, der inneren Stagnation besser gerecht werden könnte als die Bundesrepublik. Doch was erwartet die Welt von den Deutschen?

Die Wirtschaftsflucht ist ein Grundrecht der Menschen verschiedener Länder. Die USA haben sogar zehn Millionen Ausländer integriert. Es geht nicht darum, ob die Flüchtlinge politisches Asyl zu Recht beanspruchen. Es geht vielmehr darum, daß die Bundesrepublik keine klare Einwanderungspolitik hat; daß einerseits das Fehlen einer kohärenten Ausländerpolitik auffallend, andererseits aber das allgemeine Selbstgefühl der Deutschen ungeklärt und unsicher ist – und deswegen ist auch die europäische Umwelt verunsichert.

Die Deutschen brauchen in erster Linie nicht die Vergangenheit zu bewältigen. Das ist schon getan. Die letzten zwei Generationen haben mit der Erbschaft Hitlers nichts zu tun. Jetzt ist die Gegenwartsbewältigung und die der Zukunft am wichtigsten.