Von Christian Wernicke

Santiago de Chile

Der Passant muß schon genau hinsehen, um die Spuren der Diktatur im Palacio de la Moneda auszumachen: Kleine, dunkle Flecken in der Fassade zeugen vom 11. September 1973 – verputzte Einschußlöcher, Mahnungen an jenen Tag, als der Heeresgeneral Augusto Pinochet den Amtssitz des marxistischen Präsidenten Salvador Allende stürmen ließ. Im Innern des neoklassizistischen Rechtecks, auch dort, wo sich Allende im Angesicht der militärischen Übermacht schließlich selbst erschoß, erinnert nichts mehr an Revolution und Revolte. Die Restauration der Demokratie ist ebenso gelungen wie die des Mauerwerks. Vornehme Ruhe liegt über dem Parkett und den Sesseln mit blauen Samtbezügen, der neue Hausherr spricht leise und bedächtig. Dabei strahlt Patricio Aylwin Azocar die Würde eines bürgerlichen Monarchen aus: "Das Risiko eines Staatsstreiches oder die Gefahr von politischen Eingriffen des Militärs gibt es in Chile nicht mehr."

Längst ist "Don Pato", wie viele der mehr als dreizehn Millionen Chilenen ihr Staatsoberhaupt beinahe liebevoll nennen, zum Symbol des eigenen Erfolges geworden. Der taktisch kluge Jurist, der schon vor der fast siebzehn Jahre währenden Militärherrschaft zur Führungselite des Andenstaates zählte, führt sein Land seit dem März 1990 durch die transiciön – die schwierige Periode des Überganges von der Diktatur zur Demokratie. Eine heikle Gratwanderung, denn Aylwins große Koalition aus Christdemokraten und Sozialisten regiert zwar in den Ministerien; aber auf dem Kasernenhof führt noch immer der halsstarrige General Pinochet das Kommando. Und der hatte, als ihn schon eine Volksabstimmung aus dem Präsidentenamt drängte, seinem Nachfolger schnell noch Fesseln angelegt mit einem ganzen Netzwerk aus absonderlichen Ausnahmeregeln und selbstgerechten Privilegien.

Doch weit mehr als diese Widerhaken des Militärs garantiert der höchste Zivilist die erstaunliche Stabilität im Lande. Der 74jährige Aylwin sucht als "Präsident aller Chilenen" so freundlich wie beharrlich die Kompromisse zwischen Vergangenheit und Zukunft. Eine Kultur des pragmatischen Konsenses prägt mittlerweile die Politik in Santiago, zumal gegenüber der Geschäftswelt. Nach Jahren der Unterdrückung und Verarmung ganzer Bevölkerungsgruppen übernahm die demokratische Regierung eine dynamische Wirtschaft, der zuvor von Pinochets neoliberalen "Chicago-Boys" ein beinharter Strukturwandel verordnet worden war. Keine Experimente, sondern hohes Wachstum bei niedriger Inflation bestimmen weiterhin den Kurs. Was Wunder also, daß selbst Wirtschaftsberater des alten Regimes dem neuen Präsidenten Respekt zollen, daß der Finanzminister die in diesem Jahr um dreißig Prozent gestiegenen Investitionen als "Vertrauensbeweis der Unternehmer für die Demokratie" interpretiert.

Mit beinahe zehn Prozent Wachstum und einem Export-Boom ernteten die Demokraten in diesem Jahr die Früchte ihres eigenen zähen Lernprozesses während der Diktatur: Erst kurz vor seiner Wahl hatte Aylwin, der gläubige Katholik mit sozialem Gewissen, den Erfolgen einer konsequent marktwirtschaftlichen Politik zu trauen begonnen. Im Jahre 1989 überraschte er Freund und Feind mit dem Satz: "Verteilurg ohne Wachstum ist Brot für heute und Hunger für morgen!" Heute verantwortet Aylwin einen Staatshaushalt, den die Angst vor der Inflation bestimmt und der millionenschwere Überschüsse abwirft.

Selbst die Gewerkschaften beklagen diese Vorsicht allenfalls kleinlaut. Auch ihre Führer gelten – wie die Spitzenpolitiker der beiden sozialistischen Parteien – als renovados, als Vertreter jenes reformierten Politikertyps, für den aktuelle Ziffern und Fakten mehr zählen als die gestrigen Träume von einer veränderten Gesellschaft. In Hinterkopf plagt manches Kabinettsmitglied das "Allende-Syndrom", das Trauma eines zu radikalen Wandels, der binnen kurzer Frist die Gesellschaft überforderte und die Demokratie schlief lich zerstörte. Zur Erinnerung: 1973 hatte Pinochet seine Bombenangriffe auf die Volksfront im Präsidentenpalast mit einer Rücktrittsforderung des christdemokratischen Parlamentspräsidenten rechtfertigen können – und der hieß Patricio Aylwin.