Von Gero von Randow

Die Computermaus, jenes Schiebekästchen mit Drucktasten und Kabel, mit dessen Hilfe Computernutzer allerhand Symbole auf ihren Bildschirmen umeinanderbewegen, wird dreißig Jahre alt. So will es die Hagiographie des personal Computer. Seit wenigen Wochen nun wird dem unscheinbaren Ding in den digitalen Nachrichtennetzen, über die Computermenschen einander elektronische Briefchen zustecken, allen Ernstes nachgesagt, es mache die Hand krank, die nach ihr greift. Mausfeinde versichern obendrein beharrlich, das Eingabekästchen sabotiere ihre Arbeit.

Dabei verdankt die Maus ihr Dasein tief philanthropischem Bemühen. In der mauslosen Epoche klaffte nämlich ein Abgrund zwischen Mensch und Maschine: Wir nehmen den Bildschirm ähnlich wie ein Blatt Papier wahr, auf dem wir Zeichen hinterlassen wollen – mal oben, mal unten, mal am linken und dann wieder am rechten Rand. Diese zwanglose Sicht der Dinge wurde von Computerfritzen vorgeschichtlicher Zeit indes ganz und gar nicht geteilt. Das Computerfahren hatten sie noch auf Maschinen erlernt, die sich dem Menschen nicht etwa per Bildschirm, sondern allenfalls mit Lämpchen oder Leuchtzeilen mitteilten – und mit dem Drucker. Der brachte die Informationen Zeile für Zeile, von oben nach unten, aufs Papier. Als es endlich Bildschirme gab, behandelten die Software-Konstrukteure sie wie Computerpapier: Die Informationen liefen weiterhin Zeile für Zeile, von oben nach unten, den Bildschirm hinunter. In diesem Gänsemarsch mußten sie auch eingegeben werden. Mit Cursortasten ließ sich später immerhin eine Markierung auf dem Monitor in vier Richtungen bewegen, freilich etwas mühevoll.

Doch dann kam Doug Engelbart von der Universität Stanford, und er sagte: Der Mensch ist frei geboren und hat das Recht, auf dem Bildschirm nach seinem Gusto herumzufuhrwerken. Also gib ihm ein Kästchen. Wenn er es schiebt, wandert ein Zeiger über den Bildschirm. Versieh das Ding mit Knöpfen. Wenn der Mensch den Knopf drückt, macht es "klick", und der Zeiger hinterläßt etwas auf dem Bildschirm, um zum Beispiel einen Buchstaben zu markieren.

Auf Doug Engelbart folgte Bruce Tognazzini, auch Tog genannt. Tog ist der Verkünder der "Benutzeroberfläche" des Apple Macintosh. Diese (und ihre Verwandten, die heutzutage die Bildflächen beherrschen) präsentiert dem Menschen den Computer als Maschine, die mit Druckknöpfen und Schiebeschaltern zu Aktivitäten einlädt – wohlgemerkt, diese Dinge sind bloß auf den Bildschirm gemalt. Einzig und allein ein mausbewehrter Mensch kann die Pseudogegenstände manipulieren, als fasse er sie an.

Wer seine Maus besser verstehen will, dreht sie um und erblickt einen Gummiball, und wer sie aufschraubt, sieht die Rollen, die der Ball bewegt. Die Rollen wiederum unterbrechen Lichtschranken, wenn sie sich drehen, und je weiter die Maus in eine bestimmte Richtung wandert, desto häufiger werden diese Lichtschranken unterbrochen. So entsteht das Maussignal. Es wandert via Kabel in einen kleinen Datenspeicher des Rechners, und der wiederum wird alle naselang vom Betriebssystem gefragt: Ist mäusemäßig etwas vorgefallen? Wenn ja, wird das laufende Programm unterbrochen, der Mauszeiger auf dem Bildschirm gelöscht und anderswo wieder hingemalt. Dieser Vorgang spult sich bei jeder Schieberei viele Male ab, und zwar dermaßen fix, daß wir glauben, der Zeiger gleite kontinuierlich über den Monitor – dabei sind das nur lauter Einzelbilder wie im Kino. Soviel zum menschenfreundlichen Werk des Mausingenieurwesens.

Unterdes wird gemeckert. Mäuse würden bloß stören. Die Finger geiern hackbereit über der Tastatur, doch plötzlich fordert das Programm die Mausbedienung. Gehirn an Augen: "Wo ist die Maus?" Gehirn an Hand: "Finger weg von der Tastatur, Maus greifen" – und zwei wertvolle Sekunden sind verstrichen, in denen der Lohnabhängige zum Wohle des Unternehmens hätte produktiv arbeiten können.