Von Ulrich Schnabel

Nach ihm ist sogar ein Himmelskörper benannt: Seit dem letzten Jahr trägt der "Kleine Planet 2947" offiziell den Namen "Kippenhahn" und ehrt damit einen Mann, der wohl Deutschlands bekanntester lebender Astronom ist. Rudolf Kippenhahn verfügt über wissenschaftliche Begabung, schriftstellerisches Talent und die Fähigkeit zur Selbstironie – also alles Belege dafür, daß der heute 66jährige im Sternbild der Zwillinge geboren ist. Solche Zusammenhänge weist der Astronom natürlich weit von sich; er betrachtet den gestirnten Himmel über uns eher nüchtern. Als er einmal gefragt wurde, ob er nicht auch finde, daß die Beschäftigung mit den kosmischen Dimensionen eine abgeklärtere Sicht der weltlichen Dinge zur Folge habe, da antwortete Kippenhahn, er hätte gerade seinen Einkommenssteuerbescheid bekommen, und da hülfen ihm die Weiten des Kosmos leider gar nichts.

Dieser pragmatische Witz ist typisch für ihn. Er begann seine astronomische Karriere an "Deutschlands kleinster Sternwarte" in Bamberg und hat nie in seinem Leben astronomische Vorlesungen gehört – außer seinen eigenen. Trotzdem hat er entscheidende Arbeiten zur Theorie der Sternentstehung und -entwicklung geliefert und schließlich sechzehn Jahre lang das Max-Planck-Institut für Astrophysik in München geleitet. Doch mit dem Forschungsbetrieb hat er letztes Jahr endgültig abgeschlossen und sich nur noch der Öffenlichkeitsarbeit zugewandt.

Heute hält er Vorträge über Astronomie und nennt sich halb scherzhaft "freier Schriftsteller". Leider sei es ihm nie gelungen, einen Krimi zu schreiben, aber "Bücher über Wissenschaft so zu verfassen, daß sie der Laie versteht", das halte er auch für wichtig, und das mache ihm Spaß. Zur Zeit arbeitet er an einer populären Einführung in die Kernphysik, die ihm, so schwant ihm schon jetzt, wahrscheinlich sowohl von Befürwortern der Kernenergie wie auch von ihren Gegnern "Prügel eintragen" wird. Denn wenn er über Radioaktivität, Medizin und Sicherheitsfragen schreibt, also "ob jemand ein Ventil zuzumachen vergißt, ob jemand auf die rote Lampe schaut oder nicht", dann wird er den einen wohl zu kritisch, den anderen dafür zu wissenschaftlich argumentieren. Diese Gratwanderung falle ihm auch schwer, gibt er zu, aber im selben Atemzug nennt er seine motivierende Kraft: "Das macht mir Spaß." Dieser Satz fällt oft bei Rudolf Kippenhahn. Fast scheint es, als ob hier einer die Weisheit gefunden habe, nur das noch zu tun, was ihm Vergnügen bereitet.

Das war nicht immer so. Denn erst das "emotional einschneidende Erlebnis" einer Kopfoperation vor zehn Jahren rückte ihm die Werteskala der Wichtigkeiten so zurecht, wie er sie heute sieht. Ein augapfelgroßer Tumor verursachte Schwindelanfälle und Sehstörungen, ein tödlicher Überdruck des Gehirns war zu befürchten. Am Vorabend der Operation habe er "zusammengekrümmt wie ein Fötus" in seinem Bett gelegen und Angst gehabt, erinnert er sich. Doch heute gewinnt er dieser Extremsituation Positives ab, spricht von einem "Lernprozeß": "Dinge, die vorher wichtig waren, erscheinen einem unwichtig; Dinge, die einem vorher unwichtig waren, erscheinen plötzlich wichtig." Früher war er wohl sehr viel ehrgeiziger in der Forschung, das habe sich "etwas gelegt". Dafür sei ihm heute die Familie, Frau Johanna und die drei Töchter, wichtig. Die sagen sogar, er sei friedlicher geworden. "Ich würde es natürlich für mich besser auslegen und sagen: Vielleicht bin ich weiser geworden", lacht er.

Eigenwillig war er schon während des Studiums in Halle: Kurz nach dem Krieg machte es dort noch keine Schwierigkeiten, in Mathematik zugelassen zu werden. "Da hab’ ich mich erst einmal in Mathematik einschreiben lassen, und dann hat es, hat es ... ich weiß nicht, ich hab’ irgendwie vergessen, mich wieder umzuschreiben", meint er in seiner bröseligen Hans-Moser-Manier, bei der man nie weiß, ob er sich jetzt mehr über sich selbst, sein Gegenüber oder den unberechenbaren Lauf der Welt lustig macht. Später promovierte er in Erlangen mit dem Nebenfach Astronomie, obwohl es dafür an der dortigen Universität gar keinen Dozenten gab. Das Wissen dazu eignete er sich als Autodidakt an. Der selbstbewußte Kippenhahn entdeckte während des Studiums aber auch sein Talent zum Schreiben. Im Dezember 1945 warf er seinen ersten Aufsatz handgeschrieben in den Briefkasten der örtlichen Zeitung – "und er ist gedruckt worden", staunt der inzwischen siebenfache Buchautor heute noch. Freilich fand seine journalistische Karriere 1948 vorerst einen abrupten Abschluß, als die Artikel in der damaligen sowjetischen Besatzungszone plötzlich alle von "demokratisch-fortschrittlichem Geist" zeugen mußten und Kippenhahns Wissenschaftlerhirn nicht so recht einsehen wollte, wie etwa ein Text über eine totale Mondfinsternis so zu verfassen wäre, daß er von eben solchem Geist zeugte.

Dafür ging es dann wissenschaftlich bergauf. Nach dem Studium ackerte er sechs Jahre lang an der Bamberger Sternwarte, bis er den Sprung an das Göttinger Max-Planck-Institut schaffte, wo astrophysikalische Größen wie Ludwig Biermann, Reimar Lüst und der philosophierende Carl Friedrich von Weizsäcker versammelt waren. Kippenhahn selbst beschäftigte sich zuerst mit Fusionsphysik, und begann dann in München, wohin das Max-Planck-Institut 1958 umgezogen war, Sterne auf dem Computer zu simulieren, was sein eigentliches Arbeitsgebiet werden sollte. Gastprofessuren in Amerika und ein Lehrstuhl an der Universität Göttingen folgten, bis er 1975 als Nachfolger Ludwig Biermanns von der Max-Planck-Gesellschaft nach München berufen wurde.