Von Christoph Bertram

Jede neue Entscheidung über den künftigen Einsatz deutscher Soldaten im Ausland führt Bonn in ein Land ohne Wiederkehr. Jeder einzelne Schritt mag noch überschaubar, erklärbar, vertretbar sein. Aber niemand weiß, wohin am Ende die Reise geht. Aus der Übersichtlichkeit und Berechenbarkeit des Kalten Krieges sind wir in eine Ungewißheit entlassen worden, die auch deshalb so uferlos erscheint, weil sie ungewohnt und unheimlich zugleich ist.

Es verwischen die Begriffe, die Grenzen zwischen innen und außen, zwischen Frieden und Krieg. Als die Welt noch säuberlich in zwei Blöcke unter zwei Supermächten geteilt schien, kannte jedes Erstsemester die Grundnorm der internationalen Politik, die "Nichteinmischung in innere Angelegenheiten" anderer souveräner Staaten. Und was Frieden war, ließ sich damals einfach definieren. Der Nicht-Krieg zwischen Ost und West, alles andere war ohne Belang.

Inzwischen sind diese Begriffe unbrauchbar geworden. In allen Listen künftiger Gefahren steht die Aggression gegen unsere Grenzen ganz unten. Die inneren Angelegenheiten anderer jenseits dieser Grenzen jedoch sind es, die den Militärplanern inzwischen die Sorgenfalten ins Gesicht treiben. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen signalisiert mit jeder neuen Entschließung: Der äußere Frieden ist gefährdet, wo der innere Frieden aufgekündigt wird.

Auch die internationalen Organisationen, die den neuen Ungewißheiten Schranken setzen sollten, müssen erst wieder in eine neue Rolle finden. Ihre Aufgabe in der Vergangenheit war eindeutig, ihre Funktionsfähigkeit offensichtlich. Heute stecken sie, wie Bundesaußenminister Kinkel seufzt, in einer "Legitimationskrise". Die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) gehörte zu den elegantesten diplomatischen Werkzeugen der Entspannungsjahre. Nun, da sie über ein halbes Hundert Staaten umfaßt, ist sie handlungsunfähig geworden. Die Europäische Gemeinschaft, die visionärste aller westlichen Kollektivstrukturen, krebst nach dem Maastricht-Rückschlag ziel- und führerlos vor sich hin. Die Nato schließlich, deren Generalsekretär Manfred Wörner gern behauptet, sie sei die einzige funktionierende Sicherheitsorganisation Europas, hat nicht funktioniert, als es galt, den Brand auf dem Balkan einzudämmen.

Wo alles sich wandelt, muß sich auch die deutsche Sicherheitspolitik anpassen. Weihnachten 1991 verbrachte Klaus Naumann, als Generalinspekteur der Bundeswehr Deutschlands ranghöchster Soldat, bei der Truppe in Eggesin, dem ehemaligen NVA-Standort an der deutsch-polnischen Grenze. Weihnachten 1992 feiert er wieder unter deutschen Soldaten, im fernen Phnom Penh, der Hauptstadt des vom Bürgerkrieg zerstörten Kambodscha. Und auf dem langen Flug nach Südostasien hat Naumann noch bei deutschen Luftwaffenpiloten in Kenia Station gemacht, die seit dem August von Mombasa aus Hilfsgüter zu den Hungernden Somalias fliegen.

Während Bonner Politiker weiter darüber streiten, ob und wie das Grundgesetz abgeändert werden müßte, um den Einsatz von Bundeswehrsoldaten jenseits deutscher Grenzen zu ermöglichen beziehungsweise einzuschränken, stehen heute bereits rund 700 von ihnen irgendwo auf dem Globus in deutschen Uniformen bereit, zum Teil auch schon mit der blauen Stoffmütze der Uno auf dem Kopf, obgleich es offiziell noch gar keine deutschen "Blauhelme" gibt (siehe Karte):