Von Lutz Reidt

Der 30. November 1990 ist in die Annalen des Fischschutzvereins Bröltal eingegangen. Aus der Bröl, einem kleinen Nebenfluß der Sieg, wurde an diesem Tag ein Fisch an Land gezogen, der einem Lachs stark ähnelte. Der stattliche Fang – 81 Zentimeter groß und vier Kilogramm schwer – wurde später in der Landesanstalt für Fischerei Nordrhein-Westfalen in Albaum am Südrand des Rothaargebirges untersucht. Zweifel erübrigten sich: Nach mehr als dreißig Jahren war erstmals wieder ein Lachs im Gebiet der Sieg aufgetaucht.

Die Experten konnten auch nachweisen, daß dieser männliche Lachs, ein "Milchner", vorher eine geraume Zeit im Meer gelebt hatte. Der Fisch war vermutlich einer der ersten Rückkehrer von 8000 norwegischen Junglachsen, die in der Albaumer Landesanstalt herangezogen und im April 1988 in der Bröl ausgesetzt worden waren. Weitere 16 500 folgten im Jahr darauf.

Außer dem Milchner 1990 fanden sich im vergangenen Herbst noch zwei weitere Männchen – nicht gerade eine günstige Quote für ein effektives Vermehrungsgeschehen. In diesem Herbst allerdings sind bis jetzt neben vier Männchen auch vier Weibchen in die Bröl zurückgekehrt.

Neben der Bundesrepublik gibt es auch in Frankreich, Luxemburg, der Schweiz und den Niederlanden Aktionsgruppen, die dem Lachs wieder auf die Sprünge helfen wollen. Unter dem plakativen Slogan "Lachs 2000" haben sich die für den Gewässerschutz verantwortlichen Minister der Rheinanlieger einem ehrgeizigen Ziel verschrieben: Bis zum Jahre 2000 soll das Ökosystem im Rhein so gesund sein, daß sich stabile Bestände der Wanderer zwischen Süß- und Meerwasser, nämlich Lachs, Meerforelle, Maifisch, Meerneunauge und Stör, wieder etablieren können. In Albaum haben die Biologen seit 1990 mehr als 120 000 Brütlinge ausgesetzt. Das sind drei bis vier Zentimeter winzige Lachse, die nicht im Becken, sondern in der Sieg selbst heranwuchsen. So waren sie gleich mit den natürlichen Ausleseprozessen konfrontiert und wurden vom Heimatgewässer geprägt.

Dort bleiben sie in der Regel zwei Jahre und wandern dann – gut fünfzehn Zentimeter groß – die Flüsse abwärts ins Meer, manchmal bis vor die Küste Grönlands. Nach zwei bis vier Jahren zieht es die geschlechtsreifen Lachse zurück in die Heimatgewässer, wo sie ablaichen und meist völlig entkräftet sterben. Der Zyklus ist geschlossen.

Ganz ohne Zutun des Menschen tauchten schon seit mehreren Jahren immer wieder Meerforellen im Rhein auf. Selbst ausgesprochen empfindlichen Fischen wie diesen nahen Verwandten des Lachses schien das Wasser der ehemaligen "Kloake Europas" sauber genug zu sein, um sich unbeschadet darin zu tummeln. Wie nachhaltig allerdings Produkte der Chlorchemie auf die Biosphäre wirken, zeigen langlebige Verbindungen wie Hexachlorbenzol (HCB) und die Polychlorierten Biphenyle (PCBs). Im Rheinwasser lassen sie sich kaum nachweisen, doch dafür um so mehr in den Organismen, die im Strom leben. Der Zoologe Roland Nagel von der Universität Mainz hat Daten über die Rückstandsbelastung von Fischen im Rhein und seinen Nebenflüssen ausgewertet. Ergebnis: Rheinfische sind mindestens zehnmal so stark mit HCB belastet wie Artgenossen aus den Nebenflüssen. Bei den allgegenwärtigen PCBs hingegen stellt sich die Situation anders dar: "Hier sind zum Beispiel Aale aus ‚Rheinwasserflüssen’ mit vergleichbaren Konzentrationen belastet wie im Rhein oder der Mosel."