Von Judith Reicherzer

Faule Schweinehälften, madige Rinderfilets oder Eberfleisch: Die Angst geht um vor dem Euro-Gammel in der Fleischtheke. Während viele Deutsche den 1. Januar als Stichtag mit Bangen erwarten, ist der gemeinsame Fleischmarkt schon da. Bereits vor sechs Monaten haben die deutschen Veterinäre ihre Grenzkontrollen für Fleischtransporte eingestellt – auf Geheiß der Bonner Regierung, die damit eine EG-Richtlinie umgesetzt hat. Ein paar Tage noch arbeiten die Zöllner, die zumindest die Dokumente kontrollieren können – im neuen Jahr herrscht dann völlig freie Fahrt für die delikate Ware.

Was für die einen das Ende der reinen Wurst, ist für die anderen kein Grund zur Besorgnis. Die Grenzkontrollen, so die Binnenmarktbefürworter, seien mehr eine psychologische denn eine tatsächliche Barriere gewesen. Die Bundesrepublik etwa importierte im vergangenen Jahr 1,37 Millionen Tonnen Fleisch; nur jedes hundertste Stück Schlachtvieh, so Mitarbeiter vom Katalyse-Institut für angewandte Umweltforschung, sei an den Grenzen auf Chemikalienrückstände, nur jedes zweihundertste auf Antibiotikarückstände untersucht worden. Mit den Transporten aus den EG-Staaten, die immerhin über achtzig Prozent des deutschen Importfleisches ausmachen, hatten es die Veterinäre schon länger schwer. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes vom Herbst 1989 durften sie nur noch bei konkretem Verdacht, wie etwa beim jüngsten Clenbuterol-Skandal in Spanien, die Ladeluke öffnen.

Nicht nur die Kontrolle für EG-Fleisch, auch die Begutachtung von argentinischen Steaks oder ungarischem Geflügel entfällt künftig an den Landesgrenzen. Fleisch aus Nicht-EG-Staaten wird unmittelbar bei der Einfuhr in die Gemeinschaft getestet. Eine logische Folge des gemeinsamen Marktes, doch sie wurde erst spät bedacht. "Die Grenzkontrollstellen in Rotterdam oder Antwerpen sind mit den Mengen erst einmal überfordert und zum Teil noch gar nicht funktionsfähig", behauptet Heiner David, Fleischexperte im Umweltministerium Nordrhein-Westfalen.

Im Binnenmarkt ist der Fleischhandel vom nächsten Jahr an zwar grenzenlos, dafür einigen sich die Mitgliedsstaaten auf eine Kontrolle beim Absender: Ein Amtstierarzt stempelt ein EG-Gütesiegel auf die Rinderhälften, sein Kollege kontrolliert beim Empfänger, ob das Fleisch auch ordnungsgemäß transportiert und gekühlt wurde.

Die Theorie klingt gut, die Praxis wird schwierig. Ekkehard Weise vom Institut für Veterinärmedizin in Berlin meint: "Die Veterinärüberwachung ist schon etwas überlastet, es können nur Stichproben gemacht werden." Nicht immer sei ein Tierarzt dabei, wenn ein Lkw nachts im Zerlegebetrieb ankommt. Zudem ist das Gütesiegel, das für EG-weit arbeitende Betriebe bereits besteht, wohl eher Vertrauenssache. "Eine qualitativ gleichwertige Analytik und gut ausgebildetes Personal, das mit standardisierten Untersuchungsverfahren überall in der Gemeinschaft zu vergleichbaren Ergebnissen kommt, gibt es derzeit nicht", kritisieren die Verbraucherschützer vom Katalyse-Institut. Gotthard Hilse vom Bundesverband der Fleischwarenindustrie meint: "Die Genußtauglichkeitsbescheinigung, die EG-weit eigentlich nach gleichen Kriterien ausgestellt werden soll, garantiert keine einheitliche Qualität."

Künftig sollen nun 180 Kontrolleure der EG-Kommission in Stichproben prüfen, ob die Richtlinie auch tatsächlich umgesetzt wird. Um alle Betriebe einmal zu testen, brauchten die Fleischwächter indes mindestens acht Jahre. Denn mit dem Binnenmarkt vervielfacht sich auch die Zahl der Testobjekte. Bisher waren nur ausgewählte Betriebe für den EG-Handel zugelassen, jetzt sollen alle, die mehr als zwanzig Rinder oder sechzig Schweine pro Woche schlachten, im Binnenmarkt mitmischen dürfen. Dafür müssen sie alle die EG-Richtlinie erfüllen.