Boris Jelzin versucht, alle Welt davon zu überzeugen, daß er weiter das Kommando über seine Reformpolitik hat. Aber gerade dabei zeigt er, wie sehr ihm das Ruder entglitten ist. Sein Bestreben, von Kurs und Kabinett zu retten, was noch zu retten ist, gebot eine schnelle Rückkehr aus China. Doch wie er seinen Peking-Besuch abbrach, das mußte die weltweite Verunsicherung nur noch vergrößern. "Jemand hat zu früh mit dem Kampf um die Ministerposten begonnen", trompetete der Präsident, "der Hausherr (chosjain) muß zurück und Ordnung schaffen."

Abgesehen davon, daß sich Stalin "chosjain" nennen ließ – was erwartete Jelzin denn anderes als Kampf, zumal er den neuen Ministerpräsidenten Tschernomyrdin selber beauftragt hatte, bis zum Dienstag dieser Woche Kandidaten für das Kabinett zu benennen? Sollten seine Opponenten – Parlamentspräsident Chasbulatow und der Deputiertenkongreß, Vizepräsident Ruzkoj und die Bürgerunion – nach ihrem Triumph nun tatenlos zusehen? Das alles zeigt: Jelzin tut sich beklemmend schwer mit den radikal veränderten Kräfteverhältnissen zwischen den drei Moskauer Machtzentren im Kreml (Präsident), im Weißen Haus (Parlament) und am Alten Platz (Regierung).

In dieser Lage hat der bullig wirkende, aber keineswegs bärengesunde Tschernomyrdin bisher das getan, was von ihm zu erwarten stand. Den ersten Gästen, den deutschen Industriellen im Gefolge Helmut Kohls, bot er vergangene Woche die alte sozialistische Parade-Palette an: Gas und Kosmos, Flugzeugbau und Militärtechnik. Vom Parlament beantragte der Premier sofort 200 Milliarden Rubel Subventionen für die Energiewirtschaft.

Durch weitere 200 Milliarden, mit denen das Parlament jetzt von sich aus den Brotpreis stützen will, sind alle Absprachen mit IWF und Weltbank zur Begrenzung des Haushaltsdefizits dahin. Mit einem Blitzbesuch in der Kornkammer Kasachstan hat Tschernomyrdin zugleich demonstriert, daß er die Abhängigkeit von westlichen Krediten zumindest für Getreidelieferungen verringern will und eine kleine Opec früherer sowjetischer Republiken anstrebt.

Ansonsten hat er kaum Spielraum. Sein Vorgänger Gajdar scheiterte an der Unvereinbarkeit von radikaler Reform und Stabilität. Doch wenn Tschernomyrdin nur den Reformwandel bremst, werden Stabilisierungserfolge kärglich und kurzlebig sein. M. Hu.