Kim Young Sam hat die Präsidentschaftswahlen in Südkorea gewonnen. Gesiegt aber hat die Demokratie, die in diesem Land an der zweiten Front des Kalten Krieges über Jahrzehnte von den Militärs niedergedrückt wurde. Zum ersten Mal seit 1963 schickte die Regierungspartei als ihren Kandidaten keinen Offizier ins Rennen. So gefestigt erscheint inzwischen die Demokratie, daß sie – anders als noch 1987 – im Wahlkampf kein Thema mehr war.

Dies ist ein kleines Wunder. Vollbracht hat es zu einem nicht geringen Teil der amtierende Präsident Roh Tae Woo, selbst ein ehemaliger General. Als sein Nachfolger zieht im Februar der Zivilist Kim Young Sam ins Blaue Haus: ein Konservativer, der den Koreanern als Garant der Kontinuität gilt, obgleich er sich erst 1990 in einer denkwürdigen Volte von der Opposition auf die Seite der Regierung schlug – und dafür jetzt mit der Präsidentschaftskandidatur belohnt wurde.

Kim Dae Jung, der Veteran der Demokratiebewegung, der Machtwillen und Märtyrerpose zu verbinden weiß, scheiterte. Ebenso unterlag der 77 Jahre alte Industrielle Chung Ju Yung, einst Herrscher über den Hyundai-Konzern, der mit seinem aggressiven Populismus den Part des koreanischen Ross Perot übernommen hatte. Die Wähler stimmten für das politische und intellektuelle Mittelmaß.

Zwar enthüllte Kim Young Sams Wechsel zur Regierungsseite in den Augen mancher Anhänger einen atemberaubenden Opportunismus: War das noch derselbe Kim, der 1983 einen Hungerstreik erst kurz vor dem Tode abbrach, der jahrelang unter Hausarrest stand, gegen dessen Parteihauptquartier im Sommer 1987 die Polizei ihre Tränengasgranaten schoß? Für viele Südkoreaner indes verkörpert Kim Young Sam eben nicht nur Mittelmaß – sondern vor allem auch Mitte und Maß.

Ihm gaben jene Bürger die Stimme, die zu bescheidenem Wohlstand gekommen sind und die ahnen, daß die Zeiten unsicher werden. Noch in der fünfjährigen Amtszeit Kims könnte die Despotie im Norden des geteilten Landes fallen. Mit der dann möglichen Wiedervereinigung begänne, so lehrt sie das deutsche Beispiel, ein gewaltiges Experiment. Um sich für den Wandel zu wappnen, haben die Südkoreaner für die politische Kontinuität votiert. M. N.