Wenn es um Macht und Einfluß im Unternehmen geht, zählen Blutsbande wenig. Im Gegenteil: Im Kampf Bruder gegen Bruder, Vetter gegen Vetter oder Cousine gegen Cousine wird oft alle Zurückhaltung abgelegt. Auch im Jahr 1992 brachten die Erben mit ihren munteren Händeln wieder manch traditionsreiches Familienunternehmen in Bedrängnis.

In diesem Jahr fand eine besonders hartnäckige Fehde im Städtchen Heidenheim auf der Schwäbischen Alb ihr vorläufiges Ende. Dort sollte eigentlich im Herbst das 125jährige Betriebsjubiläum der Maschinenfabrik J. M. Voith, eines erfolgreichen Herstellers von Papiermaschinen und Turbinen, groß gefeiert werden. Doch den Firmenangehörigen war nicht mehr zum Feiern zumute. Wenige Monate zuvor hatte sich die vierte Generation der Gründerfamilie auf eine Realteilung des Familienunternehmens mit rund 17 000 Beschäftigten, fast drei Milliarden Mark Umsatz und Beteiligungsbesitz in Milliardenhöhe geeinigt.

Vorausgegangen war ein dreijähriges Gezerre um Macht und Einfluß mit prominenten Mitspielern, dem die Beobachter bald den Titel "Dallas auf der Ostalb" verliehen. Äußerer Anlaß war ausgerechnet ein Vorhaben, das die Zukunft des Familienkonzerns sichern sollte. Die konkurrierende Sulzer AG aus der Schweiz wollte bei den Schwaben einsteigen. Doch über das Wie und Ob zerstritten sich die Anteilseigner der vierten Generation – insgesamt acht Töchter der beiden Brüder Hanns und Hermann Voith – heillos. Die Familienstämme, einander spinnefeind, die jeweils einen Anteil von 50 Prozent hielten, blockierten sich gegenseitig. Der Deal mit Sulzer platzte, der Zwist blieb.

Dabei war in den siebziger Jahren extra ein hochkarätig besetzter Gesellschafterausschuß installiert worden, der das Familiensilber zusammenhalten sollte. Doch schließlich blieb dem Gremium um Bosch-Chef Marcus Bierich (Miträte waren Mercedes-Chef Werner Niefer und Ex-BDI-Präsident Heinrich Weiss) nichts anderes übrig, als zur Realteilung zu raten. Der Familienclan Hanns Voith erhielt das operative Geschäft, der Hermann-Voith-Clan die wertvollen Industriebeteiligungen. Diese Reserven könnten dem Unternehmen in schwierigen Zeiten noch bitter fehlen.

Ein Eklat trübte auch das Jubiläum einer weiteren ehrwürdigen Familienfirma: Vor 200 Jahren wurde die Eau de Cologne & Parfümeriefabrik Glockengasse No. 4711 gegenüber der Pferdepost von Ferd. Mülhens gegründet, die seit kurzem unter Muelhens Cologne Paris New York firmiert. Doch beim großen Jubiläumsfest fehlte ausgerechnet Ferdinand Mülhens, dem fünf Neuntel der Muelhens KG gehören. Der Grund: Veranstaltet hatte die Feier mit viel Prominenz und Glamour Dieter Streve-Mülhens, Cousin von "Ferdy" und Herr über die restlichen vier Neuntel. Und die Vettern können sich gar nicht mehr gut riechen. Unter Ferdys Regie (seit 1962) hatte die Traditionsfirma allzu lange auf das in die Jahre gekommene 4711-Rezept vertraut und sich damit Ende der achtziger Jahre in die roten Zahlen manövriert.

Streve stieg 1988 als persönlich haftender Gesellschafter zu seinem Vetter ins 4711-Boot. Doch die Chemie stimmte nicht. Fußball- und Kanevalfan Ferdinand Mülhens schied 1990 als Komplementär aus. Das hinderte ihn freilich nicht daran, seinen ungeliebten Cousin kräftig zu ärgern. Im Jubeljahr tauchten Gerüchte auf, daß Ferdy seinen Anteil an die französische l’Oreal-Gruppe verkaufen möchte. Vetter Dieter hat zwar ein Vorkaufsrecht, aber nicht die geforderte habe Milliarde.

Opfer der Fehde wurde ausgerechnet Eckart G. Winterhoff, seit 1989 Sprecher der Geschäftsführung. Ihm war es gelungen, mit erfolgreichen Duftkreationen, die nach Sport- und Fernsehstars wie Gabriela Sabatini oder Elvis-Witwe Priscilla Presley benannt wurden, die Firma (Umsatz 1991: 615 Millionen Mark) aus dem Tief zu führen. Winterhoff wird zum Jahreswechsel durch den Branchenfremden Lothar M. Hawel ersetzt. Dem wird das Kunststück abverlangt, sich im Kampf gegen Weltkonzerne wie Unilever und Procter & Gamble zu behaupten – und es beiden Vettern recht zu machen.