Wer Soldaten in ein fremdes Land schickt, muß vorher überlegen, was seine Truppen erreichen sollen, wann und wie er sie wieder nach Hause bekommt. Der Entschluß, 1500 deutsche Blauhelme in Somalia einzusetzen, macht sich gut angesichts des alljährlich zu Weihnachten auf dem Bildschirm massierten Elends in fernen Erdteilen. Was sie dort sollen, bleibt indes etwas nebulös.

In Somalia, berüchtigt für sein Clanwesen, seine warlords und sein ausgeklügeltes System von Rache und Sühne, pausiert im Moment ein Bürgerkrieg um die Macht. Das Land kann sich und die Flüchtlinge innerhalb seiner Grenzen nicht selbst ernähren, es hängt – unter anderem als Folge angezettelter und verlorener Kriege – seit Jahren am Tropf der internationalen Lebensmittelhilfe. Deren durch bewaffnete Banden gestörte Verteilung soll, so lautete der ursprüngliche Auftrag an die amerikanischen Marines und die Blauhelme in ihrem Gefolge, wieder gesichert werden.

Am besten geschieht das natürlich durch Entwaffnung der Kriegsparteien. Wie das friedlich gelingen kann, ist noch ein Rätsel; und wie eine UN-Truppe, die nur kurz im Lande bleiben soll, versteckte Waffen finden soll, kann niemand erklären – Waffen wohlgemerkt, die für den jetzt unterbrochenen, aber noch nicht abgeschlossenen Machtkampf benötigt werden.

Daß die hungernde Bevölkerung die Fremden begrüßt, ist verständlich; die Clanchefs haben auch sogleich einen Waffenstillstand geschlossen, dessen Haltbarkeit am besten durch langfristige Anwesenheit massiver Truppenkontingente gesichert wird. Die Hoffnung, die Kriegsherren würden angesichts des Elends ihre Gesinnung auf Dauer ändern, verriete mehr als erlaubte Blauäugigkeit, als in der internationalen Politik erlaubt ist. Die Clanchefs zu entmachten, gar abzustrafen oder außer Landes zu bringen wird durch das UN-Mandat nicht gedeckt. Der Krieg macht folglich nur eine Pause.

Inzwischen wird die hungernde Bevölkerung, soweit sie nicht schon in die Hilfs-Camps geflüchtet ist, in großen Lagern zusammengefaßt, weil anders die Lebensmittel nicht schnell verteilt werden können. Es fehlt an Infrastruktur für eine weitflächige Unterstützung; sie ist in mehr als dreißig Jahren Selbständigkeit nicht aufgebaut worden und kann wohl kaum in dreißig Monaten errichtet werden. Die Hungernden in den Camps werden überleben, aber sie werden ihre Felder nicht bestellen und ihre dezimierten Herden – die meisten Somalis sind Nomaden – nicht aufstocken können.

Die heutige Hilfe erzeugt den Zwang zu fortdauernder Hilfe. Weil ein Gegner ein Maximum an Schaden dadurch erreichen kann, daß er eine der Zufahrtsstraßen blockiert, wird eine loyale Truppe auf lange Zeit diese Nachschubwege sichern müssen. Sie binnen weniger Monate aus Somalis aufzustellen ist angesichts der Clanbeziehungen Illusion. Die Blauhelme haben sich eine Daueraufgabe gesichert.

Doch lange sollen die UN-Soldaten nach dem Willen ihrer Entsender nicht bleiben. Es gibt Erinnerungen an koloniale Zeiten, die auch über Clangrenzen hinaus einen. Der Norden Somalias hat sich bereits entlang früherer kolonialer Grenzen abgetrennt, was noch nicht anerkannt ist und in Afrika mit seiner Furcht vor ethnischen Konflikten vehement abgelehnt wird. Ein fairer Kompromiß ist denkbar, nur fehlen in Somalia die Verfechter eines Rechtstaats, der interne Konflikte nicht sofort und ausschließlich mit der Waffe lösen will. Sollen die Vereinten Nationen auch noch eine politische Infrastruktur aufbauen, bevor sie das Land in dem Bewußtsein verlassen dürfen, der Einsatz habe auf Dauer genutzt?

Überhaupt: Welches Ziel haben sich die Vereinten Nationen gesetzt? Als Weltpolizist überall dort einzugreifen, wo es brennt? Heißt dann der nächste Einsatzort Südsudan, wo die Verhältnisse eine pikante weltpolitische Note durch den Gegensatz zwischen Moslems und Christen haben? Warum kümmert sich die Welt nicht um das Schicksal der Tuaregs? Welchen Fortschritt macht der Aussöhnungsprozeß in Kambodscha? Einsatzmöglichkeiten gibt es en masse, aber nicht jeder Einsatz verrät jenseits humanitären Engagements und der Abhängigkeit von medial erzeugten Stimmungen Augenmaß für das Machbare. Horst Bieber