Von Dirk Kurbjuweit

Eigentlich ist es ja schwer erträglich, wenn Altere behaupten, früher sei alles besser gewesen. Johann, 51, ist so einer, der permanent die alten Zeiten hochleben läßt. Aber Johann kann unbedingt mit Verständnis rechnen. Früher nämlich nannte er noch einen Hof mit dreißig Hektar sein eigen. Früher hatte er noch keine 50 000 Mark Schulden. Früher durfte er auch noch hoffen, in seiner Familie Glück zu finden. Und früher hatte er noch nicht fünf Jahre Gefängnis hinter sich.

Jetzt zieht Johann gerade einem Trecker die Vorderräder herunter, mit Händen, die wahrscheinlich zu den größten der Welt zählen. Auch sonst ist er von stattlicher Statur, wie man bei feinen Herrenausstattern sagen würde. Aber da ist Johann nie Kunde gewesen, und hier, auf dem Sozialen Ökohof St. Josef, nennen sie ihn schlicht den "Dicken", was nicht gerade schmeichelhaft ist, aber zutreffend allemal.

Das Adjektiv "sozial" im Namen des Ökohofs stört Johann übrigens sehr. Insgeheim, sagt er, stelle doch jeder ein "a" davor. Andererseits trifft es, ohne a, den Kern, denn das Wort sagt schon, daß hier keine normale Arbeit vergeben wird. Niemand nämlich, der auf Profit aus ist, würde Johann an seine Trecker lassen, auch nicht an andere Maschinen, nicht in eine Pförtnerloge, nicht einmal an einen Besen.

Johann mußte schon auf das Glück warten, daß einmal jemand zum Arbeitsamt kommt und zum Sachbearbeiter sagt: Geben Sie mir von Ihrer Kundschaft die Schwächsten, geben Sie mir Alkoholiker, Behinderte und Schwerbeschädigte, Verschuldete, Obdachlose, Alte, Analphabeten und Knackis, geben Sie mir am besten jene, bei denen möglichst viel zusammenkommt, wo schon Staub auf der Karteikarte liegt, weil jeder Arbeitgeber sich mit Grauen abwendet.

Andreas Menger war es, der mit genau diesen Sätzen zum Arbeitsamt ging. Er ist Projektleiter am Sozialen Ökohof St. Josef in Papenburg im Emsland. Zuerst hatte Pastor Gerrit Weusthof die Idee, auch jenen eine Chance zu geben, die eigentlich keine haben. Ein Verein wurde gegründet und ein Hof gekauft, auf dem nun ständig rund dreißig Frauen und Männer für jeweils zwei Jahre arbeiten. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) sind das, vom Arbeitsamt finanziert, auch Stadt, Landkreis, Bund und Vereinsmitglieder öffneten Kassen oder Portemonnaies.

Nach dem Bioland-Prinzip werden nun auf 33 Hektar Grünkohl, oder Kartoffeln angebaut, was zum Beispiel Johann nicht gleich einleuchten wollte. "Fahrt doch mal mit der Spritze drüber", sagte er aus alter Gewohnheit, hat sich aber überzeugen lassen, daß es der Umwelt weniger schadet, wenn statt dessen sechsmal Unkraut gezogen wird. Richtig gut geht es zwanzig Ziegen, fünfzig Schweinen, dreizehn Rindern und sechs Schafen, die reichlich Platz haben. Arme Schweine findet man hier eher unter den Menschen.