Es gibt keinen Beruf, der mehr Grund zu Selbstzweifeln böte, als den des Soldaten. Denn der Soldat muß lernen zu töten. Von dieser Tatsache soll vielerlei ablenken, allen voran die Behauptung: Er lerne es, um es nicht tun zu müssen. Soldaten, die sich damit nicht begnügen wollten und dies laut sagten, wurden bislang diszipliniert. Das ist, auf den Punkt gebracht, der Fall des Majors Prieß ("Soldaten sind potentielle Mörder").

Jetzt hat das Oberste Disziplinargericht der Bundeswehr entschieden, daß nicht nur der Wehrpflichtige, sondern auch jeder Berufssoldat seine prekäre Gewissenslage – wenn er etwa an einem atomaren Erstschlag gegen die eigene Zivilbevölkerung teilnehmen müßte – offenlegen darf, ohne dafür vom Dienstherrn um Sold und Ehre gebracht zu werden.

Der Wehrdienstsenat in München attestierte dem zunächst um zwei Dienstgrade erniedrigten Heeresmajor "durchaus ehrenhafte und von hohen ethischen Maßstäben getragene" Beweggründe. Mehr noch: Der Vorsitzende schloß sich selbst, seine Richterkollegen und die beisitzenden Offiziere in die bedauernde Feststellung ein, die Prieß-Erklärung "verschärfend mißverstanden zu haben". Damit entschuldigte er sich praktisch für das frühere Fehlurteil. Dergleichen hat es in der Bundeswehr noch nicht gegeben.

Für die Richter bedeutete dies eine nahezu vollständige Abkehr von langgehegten, konservativen Überzeugungen. Sie sind mit ihrem Spruch buchstäblich über den eigenen und den Schatten aller militärischen Tradition in Deutschland gesprungen: Der Soldat darf über Sinn und Rechtfertigung seines Einsatzes in ethischen Grenzsituationen nachdenken, ohne daß er schon vorher den Rock ausziehen muß. Den Prinzipien der "inneren Führung" hatte dies schon immer entsprochen. Denn die militärischen Tugenden der Diensttreue und des Gehorsams gewinnen erst in der ethischen Bindung ihren wahren Sinn. H.Sch.