Nach über zehn Jahren lähmenden Schweigens darf wieder reformiert werden in unseren Hochschulen. Und nicht nur das, es darf auch endlich gegenreformiert werden. Kein bildungspolitisches Tabu, das nicht gebrochen, kein noch so abenteuerlicher Vorschlag, der nicht salonfähig gemacht würde: Zwangsexmatrikulation, Kurzstudiengänge, Belohnungs- und Bestrafungssysteme, Leistungskontrollen – einfach jedes Mittel scheint zur Zeit recht, um die Hochschulen von denjenigen zu befreien, für die sie eigentlich da sind: den Studenten.

Die Neigung, polemisch zu werden, wird einmal mehr angefacht durch den jüngsten Vorschlag des Wissenschaftsrats, Studiengebühren einzuführen. Es hat den Anschein, als könne sich Hochschulpolitik hierzulande nur zwischen den Extremen bewegen. Das begann mit der überbordenden, von keinerlei Vernunft oder Realismus zu kanalisierenden Reformeuphorie der frühen siebziger Jahre. Sie wurde in den Achtzigern abgelöst von völliger Apathie und der unbegründeten Hoffnung, das Problem der großen Zahl würde sich von alleine lösen. In den Neunzigern nun droht das Ganze in einen knallharten Pseudopragmatismus zu kippen, der sich aus der Grundüberzeugung speist, jede Hochschule sei eine Art Großunternehmen, das nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip zu kalkulieren sei.

Den jüngsten Vorstoß in diese Richtung unternahm ausgerechnet der so moderate Wissenschaftsrat: Tausend Mark pro Semester sollen die Studenten künftig bezahlen. Davor schreckten selbst hartgesottene Bildungspolitiker bislang zurück. Nun weiß der Wissenschaftsrat ganz genau, daß dieser Vorschlag bildungspolitisch zur Zeit nicht konsensfähig ist. Und wir können nur hoffen, daß dies so bleibt. Die Vorstellung, daß bei uns wieder Zeiten anbrechen, in denen nur die Kinder halbwegs betuchter Eltern Zugang zu den Hochschulen haben, ist unerträglich. Dies wäre eine Bankrotterklärung aller um Demokratisierung und Chancengleichheit bemühten Bildungsanstrengungen der Nachkriegszeit.

Aber auch abgesehen von der sozialen Unverdaulichkeit des Gedankens, könnten Studiengebühren ganz praktisch genau das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung erreichen. Das Gros der Studenten würde sich die tausend Mark vermutlich im Semester dazuverdienen und damit die Studienzeiten noch einmal verlängern.

Der Verzicht auf Studiengebühren muß jedoch keineswegs heißen, daß eine Million Studenten weiterhin sorglos auf Kosten der Allgemeinheit studieren können. Es war ein katastrophales Versäumnis vergangener Bildungspolitik, so zu tun, als sei die Öffnung der Hochschulen tatsächlich umsonst zu haben. Jeder zaghafte Ansatz verantwortungsvoller Bildungsexperten, das Thema Studienfinanzierung und Bezahlbarkeit des Studiums ins Visier zu nehmen, wurde jahrzehntelang von den Politikern abgewürgt. Und so verlor sich nicht nur bei den Studenten, sondern in der ganzen Gesellschaft allmählich das Bewußtsein, daß Hochschulbildung auch ein "Wert" ist, ein Privileg oder ein "Gut" und nicht einfach eine wohlfeile Selbstverständlichkeit für jeden.

Diesen "Werteverlust" wird man nicht mit tausend Mark pro Semester rückgängig machen können. Aber vielleicht löst die Forderung nach Studiengebühren ja endlich ernsthafte Bemühungen aus, für eine sozial vertretbare und gerechte Finanzierung des Studiums Mittel und Wege zu entwickeln. Sollte der Wissenschaftsrat das mit seinem Vorschlag beabsichtigt haben?

Sabine Etzold