ZEIT: Herr Präsident, als Sie im März 1990 ihr Amt antraten, hatte Chile fast siebzehn Jahre lang unter der Pinochet-Diktatur gelebt. Heute scheint die Demokratie zwar gefestigt, aber die Militärs genießen noch immer Privilegien, die sie sich selbst vor der Machtübergabe in die Verfassung geschrieben haben. Sind Sie wirklich Herr im eigenen Haus?

Aylwin: Ich muß kategorisch sagen, daß der chilenische Präsident alle Vollmachten und Befugnisse besitzt, über die ein Staatschef in einem demokratischen Staat mit präsidentieller Verfassung verfügt. Die Einschränkungen, die die geerbte Verfassung mir bei Ernennungen innerhalb der Streitkräfte auferlegt, fasse ich nicht als Einschränkungen meiner Vollmachten auf.

ZEIT: Sie haben eine Verfassungsänderung vorgeschlagen. Steht Ihnen dabei nicht ein Erbe der Diktatur, nämlich die rechtskonservative Mehrheit im Senat, im Wege?

Aylwin: Ja, momentan glaube ich, daß es wenig Möglichkeiten gibt, diese Reformen durchzusetzen. Aber ich vertraue darauf, daß wir bei den Wahlen im Dezember nächsten Jahres ein günstigeres Kräfteverhältnis erlangen können, um diese Veränderungen zu verwirklichen.

ZEIT: Die Probleme um die Ausweisung des ehemaligen DDR-Staatschefs Erich Honecker aus der chilenischen Botschaft in Moskau haben Deutschen wie Chilenen verdeutlicht, daß beide Länder die Vergangenheit zweier Diktaturen auf sehr unterschiedliche Weise aufarbeiten. Wie können Sie sich als Demokrat damit abfinden, daß Menschenrechtsverletzungen in Chile schon deshalb ungesühnt bleiben, weil die Militärs die Akten unter Verschluß halten?

Aylwin: Nun, das ist so nicht richtig. Meine Regierung hatte ja eine nationale Kommission für Wahrheit und Versöhnung gebildet. Und der Bericht dieser Kommission hat die Wahrheit über die Menschenrechtsverletzungen festgestellt. Das ist von niemandem dementiert worden. Eine andere Sache ist, daß wir nicht alle Schuldigen identifizieren oder gar verfolgen konnten. Das ist die Konsequenz des Amnestie-Gesetzes (noch unter der Pinochet-Diktatur, d. Red.) und in gewisser Hinsicht auch der ausgehandelten Übereinkunft beim Übergang vom Autoritarismus zur Demokratie.

Sehen Sie, in Ostdeutschland ist das Regime zusammengebrochen. In Chile brach die Diktatur nicht zusammen, sondern sie ist in einer Wahl besiegt worden.