ZDF, Sonntag, 20. Dezember, 10.15 Uhr: "Wenn ich sonntags in mein Kino geh’..." Film von Hans-Christoph Blumenberg

Vor 75 Jahren wurde die Ufa gegründet, vor 47 Jahren starb sie in den Ruinen ihrer Babelsberger Studios. In diesem Jahr wurde sie auf deutsche Art abgefeiert: mit einer Ausstellung in Berlin, mit Gedenksendungen und Symposien, mit Ufa-Filmen auf allen Kanälen. Ein Ufa-Geburtstagsfilm? Wir wissen, was kommt: Archivbilder, Filmausschnitte, Dokumente, Interviews... Blumenbergs Film ist anders. Keine Totenfeier, keine Auf- und Abrechnung. Sondern ein Fest der Lebenden für die Toten.

Da ist Kurt Meisel, der Ufa-Held der Kriegsjahre. Er liest Texte von Ludendorff, der die Gründung des Filmkonzerns befahl, Hugenberg, der ihn übernahm, Goebbels, der ihn zugrunde richtete. Da ist Camilla Spira, Ufa-Schauspielerin, Jüdin, KZ-Überlebende. Sie trägt die Namen der Emigranten vor, die in den dreißiger Jahren die Filmstadt verließen, und kämpft dabei mit den Tränen. Da ist Camilla Horn, die von den Dreharbeiten zu Murnaus "Faust" erzählt, Mady Rahl, die immer nur Nebenrollen spielen durfte, weil sie nicht dem Bild der deutschen Frau entsprach, Norbert Schultze, der die Musik für den letzten Ufa-Film "Kolberg" schrieb. Da sind Ilse Werner, Kristina Söderbaum, Will Quadflieg, Georg Thomalla und Hildegard Knef. Sie alle haben diesen Film gemacht, stellvertretend für die Toten, die Geflohenen, die Kollaborateure, die Widerständler, die Ermordeten – und für sich selbst. Hans-Christoph Blumenberg hat ihnen dabei zugeschaut, hat sie durch die Kulissen der Ufa-Geschichte wandern lassen und ihnen mit Ulrich Tukur einen Conférencier verschafft, der ein paar Fragen stellt, ein paar Lieder singt und niemanden stört Und er hat. vor allem, keine belehrenden Töne ins Spiel gebracht, sondern eine geduldige Hingabe, die hierzulande selten ist.

Auch Gedenkfilme sind eine Frage der Einstellung. Blumenberg hat sich für die Nahaufnahme entschieden: keine Geschichtsstunde. sondern zwei Stunden voller Geschichten und Gesichter. Manche sieht man vielleicht zum letzten Mal. Schon deshalb wird dieser Film seinen Anlaß überdauern. Andreas Kilb