Von Klaus Hartung

Berlin

Die Stimme von Elisabeth Guttenberger war so leise und von einer Tonlosigkeit, die spüren ließ, mit welcher Anstrengung da gegen das Verstummen angeredet wurde. Sie las ihre Geschichte vor. 1926 in Stuttgart geboren, aufgewachsen in einem schönen Stadtteil mit vielen Gärten; der Vater verdiente seinen Lebensunterhalt mit Musikinstrumenten. „Niemand hat uns diskriminiert, alle waren freundlich zu uns.“ Mit dem Krieg gegen Polen „wurde alles verschärft“. Sie bekam Schulverbot. Eine Lehrerin, eine ehemalige Reichstagsabgeordnete, sorgte dennoch dafür, daß sie einen Schulabschluß bekam. „Sie hat mir das Leben gerettet.“ Nur deswegen konnte Elisabeth Guttenberger später in der Häftlingsschreibstube überleben.

1943 wurde ihre Familie verhaftet, Deportation im Güterwaggon. Der namenlose Schrecken der nächtlichen Ankunft in Auschwitz. Im Zigeunerlager von Auschwitz-Birkenau sieht sie die rauchenden Schornsteine. Fragen werden gestellt. „Wir haben die Antwort nicht geglaubt. Sie war so unvorstellbar.“ Bei dem Wort „Schornstein“ droht die tonlose Stimme zu scheitern. Durch die Stacheldrahtverhaue des Zigeunerlagers konnten sie die Selektion beobachten und sehen, wie Frauen und Kinder auf die Anlage mit den Schornsteinen zugetrieben wurden, wie das Unvorstellbare wirklich geschah. Elisabeth Guttenberger hat überlebt. Dreißig Angehörige ihrer Familie kamen um.

Am Mittwoch vergangener Woche erinnerte eine Veranstaltung des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma im Berliner Reichstag an den 50. Jahrestag des „Auschwitz-Erlasses“. In einem Schnellbrief hatte der „Reichsführer SS“ Himmler 1942 angeordnet: Es „sind Zigeunermischlinge, Rom-Zigeuner und nicht deutschblütige Angehörige zigeunerischer Sippen balkanischer Herkunft nach bestimmten Richtlinien auszuwählen und in einer Aktion von wenigen Wochen in ein Konzentrationslager einzuweisen“.

Genaugenommen war das die vorletzte Stufe der sogenannten „endgültigen Lösung“. Denn dieser Erlaß sah Ausnahmen bei der Einweisung vor. „Reinrassige Sinti- und Lallerie-Zigeuner“, insgesamt zehn Sippen, wollte Himmler gewissermaßen als lebende Objekte für die Rassenforschung bewahren. Auch „sozial angepaßt lebende zigeunerische Personen“ sollten nicht eingewiesen werden.

Die „Dienststellen für Zigeunerfragen“ bei den Kriminalpolizeileitstellen sahen sich von diesen Selektionskriterien überfordert. Es wurden, wie der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß schreibt, sogar „vielfach Fronturlauber, die hohe Auszeichnungen hatten, die mehrfach verwundet waren“ verhaftet. Wegen jener „reinrassigen“ Zigeuner gab es einen Instanzenkrieg mit der „Kanzlei des Führers“. Bürokratische Pedanterie, Kompetenzkämpfe und der rassehygienische Wahnsinn verlangsamten allerdings keineswegs die Deportation von 23 000 Sinti und Roma aus zwölf Staaten.