Von Mario Müller

Ein Zungenbrecher hat beste Chancen, der Geldbegriff des Jahres zu werden: Zinsabschlagsteuer. Das Wortungetüm bereitet nicht nur Probleme mit der Aussprache – wie leicht ging dagegen der gescheiterte Vorläufer "Quellensteuer" über die Lippen –, er erregt auch die Gemüter. Die Sparer sind verunsichert, die Banken jammern über zusätzliche Arbeit, und der Bundesfinanzminister bangt, ob die neue Abgabe überhaupt mehr Geld bringt.

Aus Furcht vor dem Fiskus haben viele Anleger ihr Geld über die Grenzen geschafft. Gut hundert Milliarden Mark sollen bislang ins Ausland geflossen sein. Endstation Sehnsucht ist vor allem Luxemburg. Bei den dortigen Tochtergesellschaften deutscher Banken herrscht ein Andrang wie beim Winterschlußverkauf. Die intensiven Werbekampagnen, gelegentlich eine kaum verhüllte Aufforderung zur Steuerflucht, locken nicht nur betuchte Bundesbürger nach Luxemburg. Dorthin zieht es auch Anleger mit schmaleren Geldbeuteln. Ihre Motive sind häufig unklar: Treibt sie die Lust auf Freiheit und Abenteuer ins benachbarte Großherzogtum? Die Furcht vor dem Finanzamt alleine kann es jedenfalls nicht sein. Denn bei dem "kleinen Grenzverkehr" geht es oft um Summen, die hierzulande wegen der hohen Freibeträge nicht von der neuen Abgabe erfaßt werden.

Abgesehen von der Frage der Steuerehrlichkeit: Ob Anleger gut beraten waren, ihr Geld über die Grenze zu tragen, ist noch nicht ausgemacht. Wer nur nach dem Etikett mit dem Aufdruck Luxemburg schaut, ohne auf den Inhalt zu achten, kauft möglicherweise die Katze im Sack und verzichtet auf Rendite. Vor allem die vielen neuen Investmentfonds, die mit Zuflüssen von bislang mehr als vierzig Milliarden Mark einen reißenden Absatz finden, müssen erst einmal zeigen, daß sie ihr Geld wert sind. Enttäuschungen sind jedenfalls nicht auszuschließen.

Sollte der Zug der deutschen Kapitalkarawane in das europäische Nachbarland anhalten, droht die Steueroase Luxemburg ohnehin auszutrocknen. Der Druck auf die dortige Regierung, im Rahmen der europäischen Harmonisierung die Schlupflöcher zu stopfen und ebenfalls eine Zinssteuer einzuführen, wächst.

Verstärkt hat den Fluchtreflex vielleicht auch der Horror der Anleger vor dem Papierkrieg mit der ZAS, wie die Zinsabschlagsteuer kurz heißt. Das Ausfüllen der Freistellungserklärungen ist komplizierter als zunächst angenommen. Wer Geld auf mehreren Konten bei verschiedenen Banken, Bausparkassen und Investmentgesellschaften deponiert hat, muß die Freibeträge entsprechend verteilen. Bei dieser kniffligen Aufgabe kommt es darauf an, die 1993 und danach zu erwartenden Zinserträge wenigstens grob zu schätzen. Viele Anleger haben dies offenbar nicht bedacht oder aber schlicht vergessen, daß sie etwa noch über einen Bausparvertrag verfügen, und statt dessen den gesamten Freibetrag bei ihrer Hausbank angemeldet. Obwohl die Zeit drängt – die ZAS tritt Anfang 1993 in Kraft –, hatte bis zuletzt die Mehrzahl der Kunden die Freistellungsaufträge noch nicht zurückgeschickt. Außerdem berichten Banken über vielfach falsch ausgefüllte Erklärungen, etwa weil die Unterschrift des Ehepartners fehlt. Falls nun die Steuer abgezogen werden sollte, besteht aber kein Grund zur Panik. Zuviel bezahlte Beträge lassen sich über die Einkommensteuererklärung wieder zurückholen.

Die Verwirrung versuchen Banken auszunutzen, indem sie ihren Kunden nahelegen, ihre Konten und Depots bei einer Adresse, selbstverständlich dem eigenen Haus, zu konzentrieren. Damit erspart sich der Anleger zwar das Ausfüllen mehrerer Freistellungsformulare. Ein derartiger Schritt könnte aber schnell zu einem schlechten Geschäft werden, wenn zusätzliche Kosten anfallen oder der Wechsel mit Renditeverlusten verbunden ist. Dies wäre der Fall, wenn hochverzinsliche Papiere verkauft und die Gelder zu schlechteren Konditionen neu angelegt würden.