Von Werner Münch

MAGDEBURG. – von "Völkerfreundschaft" und "Antifaschismus" war in der früheren DDR viel die Rede. Rein äußerlich betrachtet wurde der Aufklärung über den Nationalsozialismus breiter Raum gegeben. So hat fast jede Schulklasse während ihrer Schulzeit einmal ein Konzentrationslager besucht. Und doch muß man sagen: Der Aufgabe einer wahrhaftigen Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen am jüdischen Volk, mit ihren Wurzeln und vor allem mit fortwirkenden Gefährdungen hat sich der SED-Staat nicht wirklich gestellt.

Jede Beschäftigung mit diesen Themen fand ausschließlich unter ideologischen Vorzeichen statt. Die DDR empfand sich selbst als der bessere, unbelastete Teil Deutschlands und sprach sich somit von jeder historischen Schuld frei. Die Verbrechen des Nationalsozialismus instrumentalisierte sie für eigene propagandistische Zwecke. Auch diese Tatsachen gehören zu den schlimmen Kapiteln jüdischdeutscher Geschichte in unserem Jahrhundert.

Heute ist nur noch wenigen bekannt, daß es Anfang der fünfziger Jahre in der DDR wie auch in den übrigen sozialistischen Staaten zu einer Verfolgungswelle gegen jüdische Mitbürger gekommen ist. Viele von ihnen verließen daraufhin das Land. Bis zum Schluß waren der Entfaltung jüdischen Lebens und jüdischer Gemeinden innerhalb der DDR enge Grenzen gesetzt. Deutsch-israelische Verständigung, Kulturaustausch oder die Begegnung zwischen Bürgern aus Israel und der DDR hat es während der SED-Diktatur nicht gegeben. Die SED propagierte ein einseitiges, feindliches Bild vom Staat Israel und verweigerte ihm jeglichen Beitrag zur Wiedergutmachung. Mit Recht hat der frühere israelische Botschafter bei den Vereinten Nationen, Gideon Rafael, in diesem Zusammenhang das Wort von einer "Verschwörung des Verschweigens" gesprochen.

Über alles dies muß nun öffentlich geredet werden, auch wenn es schmerzt. Zu schwer wiegen die Scheinheiligkeit und das verlogene Geschichtsbild der vergangenen vierzig Jahre, mit denen die Menschen in Ostdeutschland aufwachsen mußten. Vor dem Hintergrund der empörenden Ausschreitungen gegen Ausländer und den Anzeichen von neuem Antisemitismus gewinnt die öffentliche Debatte heute ihre besondere Dringlichkeit.

Zu westlicher Überheblichkeit besteht allerdings überhaupt kein Anlaß. Jeder weiß, wie außerordentlich schwer man sich auch dort mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus getan hat. Das gegenwärtige Erstarken rechtsradikaler Kräfte ist ein Problem, das Ost und West betrifft. Für die neuen Länder, in denen die Ausschreitungen zweifellos besonders eruptive Züge tragen, dürfen die genannten Zusammenhänge – als ein Aspekt unter anderen – jedoch nicht übersehen werden. Viele bei uns, gerade Jugendliche, haben in den vergangenen Jahren den Zusammenbruch ihres bisherigen Wertesystems erlebt. Manchen unter ihnen erscheinen nun Rechtsradikalismus und Antisemitismus als Möglichkeiten für Protest und Provokation, gerade weil sie bisher immer "von oben her" tabuisiert worden sind.

Notwendig für die neuen Länder ist um so mehr eine öffentliche Neubewertung des Verhältnisses zu unseren jüdischen Mitbürgern und zum Staat Israel. Dazu gehört die ideologiefreie Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in unseren Schulen und Hochschulen. Schüler- und Lehreraustausch sowie die Kooperation zwischen den Universitäten eröffnen Möglichkeiten der Begegnung.