Die alltägliche Gewalt wird greifbar: Mord an einem Döner-Verkäufer in Ostberlin

Die DDR-Medien hatten Kapitalverbrechen höchst spärlich mitgeteilt – sozialistische Sicherheit behauptend und damit erzeugend. Verbrechen lohnt sich nicht, fand der brave Mann, klaute Baustoff im Betrieb, ließ sich schmieren und dachte nichts Arges. Es wachte, es drohte ein Staat, die größte DDR der Welt, an deren Grenzen besser nicht zu denken war. Völlig unbesorgt lief man nachts durch die Stadt. Natürlich passierte manches. Aber in der Zeitung stand so viel von Geborgenheit, daß es irgendwann stimmte: die vegetativen Erfolge der Propaganda. Die DDR simulierte, bis jeder ihr glaubte, sie sei unverbesserlich – so oder so. Das machte man mit. Man fühlte sich im Kleinen frei und unbedroht, sofern man nicht politisch war. öfter als heute angenommen wünschten Staat und Bürger sich miteinander von Ideologie zu erholen. Wie jede, war auch jene Zeit normal. Was man erträgt, ist ein anderes. Von Christoph Dieckmann

"Die Nacht ist schwarz, Herr Bötel liest. Bumms! hört er, daß man draußen schießt."

Wilhelm Busch: Maler Klecksel

Frauen", sprach Münchhausen zum Fürsten, "Glücksspiel, Reisen, Krieg – all das brauche ich auch. Sie aber, Fürst, mißbrauchen es." Traumwelt Film. Es war Krieg, als die Ufa "Münchhausen" drehte und der deutsche Baron sich die Zarin unterwarf. Draußen fielen Bomben, drinnen krachte das Geschütz einen heiteren Böller, und Hans Albers ritt auf der Kanonenkugel über sonniges Land. Er platzte in die Türkenfestung, daß der Sultan sich die Augen rieb – verständlich, so kurz vor Sendeschluß. Kiste aus. Fenster auf. Da, war das ein Schuß? Noch einer. Noch einer. Noch einer.

Die erste Kugel traf Gamal Hegab in seiner Dönerbude. Er taumelte zur Tür, schleppte sich ein paar Schritte in die Nacht und brach auf dem Gehsteig zusammen. Noch dreimal schoß der Unbekannte auf den liegenden Mann. Vom Berliner Verlag rannten zwei Wachleute herbei. Der Mörder floh quer über die Liebknechtstraße und verschwand im Dunkel.

Es rückt näher. Beim Bäcker liegt die Zeitung aus: Döner-Mord am Alex! Die runde Bäckersfrau zählt Schrippen ab, man blättert hastig im Kurier. Laß es nicht diese Döner-Bude sein! Irgendeine andere! Es war diese, "Ali Baba", Liebknecht-/Ecke Hirtenstraße. Es rückt näher. Es rückt heran.

Hunger war Afrika. Krieg war Jugoslawien. Rostock war Rostock. Mölln war – wo liegt Mölln? Der Taxifahrer-Mord am 20. Oktober war in Kreuzberg. Helmut Güttler, das Opfer, war früher Trainer bei Dynamo. Dynamo war der Stasi-Sportverein – und der Mord vielleicht Rache? Silvio Meier war Hausbesetzer. Er könnte noch leben, hätte er sich nicht mit Skinheads angelegt, am 21. November spätabends auf dem U-Bahnhof Samariterstraße. Stunden, bevor ES passierte, ging ich dort vorbei. Stunden, bevor ES passierte, kaufte ich an Hegabs Döner-Bude Falafel. "Ohne Knoblauchsoße." Jaja, nickte er, sang zu arabischer Popmusik und goß Knoblauchsoße ins Fladenbrot. Reine Routine; seit Jahren verkaufte er. Das war sein Zuverdienst. Eigentlich studierte er Medizin.

Gamal Hegab war Ende der siebziger Jahre aus Ägypten gekommen. 1983 verlor er seine deutsche Frau. "Es lag damals eine – eine Suizidhandlung vor", sagt Hauptkommissar Flohr, Chef der 1. Mordkommission. Hegab ging mit den beiden Kindern kurz nach Ägypten, kehrte nach Deutschland zurück und nahm sein Studium auf. "Die Kinder sind jetzt bei der deutschen Schwiegermutter", sagt Karl Flohr, holt Hegabs Paß aus dem Schrank, schlägt ihn auf. "Das ist er." Ein Mann von 35, schmales, mediterranes Gesicht. Ein Toter. Kein Toter. "So sieht er heute noch aus. Also, sofern ... Es ist ja schrecklich." – "Kann ich den Paß photographieren?" – "Nein, nur das Bild. Was wollen Sie eigentlich schreiben?

Übers Verarmen. Daß man erstarrt. Daß man sich so gewöhnt an die täglichen Desaster. Daß man Freunde anruft und fragt: Hast du schon gehört? Daß sie sagen: Ja, und furchtbar, und denke mal, dort auch, aber hier zum Glück noch nicht. Daß hier immer kleiner wird.

Zehn oder zwölf Tage vor Gamal Hegab und 300 Meter weiter starb eine Katze. Wie, läßt sich nicht genau sagen; jedenfalls fehlte ihr der Kopf. Da lag sie auf dem Sims an der Bushaltestelle, zusammengerollt, wie schlafend. Aber sie schlief nicht. Dies zu zeigen, drehte einer das Tier, so daß der kopflose Rumpf nach den Passanten blickte. Täglich gingen Hunderte vorbei, die Großen mit Ekel, die Kinder mit Schrecken. Niemand schaffte den Kadaver fort. Das wäre damals kaum passiert, zu Ostzeiten, wie man jetzt sagt. Eine Katze ist ein halber Mensch.

Am Abend nach Hegabs Tod, am 17. Dezember, habe ich sie begraben. Naß und schwer, so lag sie auf dem Spaten und schien im Dunkel riesengroß. Postmortale Kosmetik gibt es ja derzeit viel, da die Kainsmale sich häufen. Die Berliner Taxifahrer banden Trauerflor an die Antennen ihrer Wagen. Am U-Bahnhof Samariterstraße schweißten ungelenke Hände eine Gedenktafel für Silvio Meier. Am vernagelten "Ali Baba" hängt zunächst ein Steckbrief, dann klemmt eine Rose dahinter, dann klebt jemand ein mahnendes Schild daneben, dann kommt eine Vase mit Nelken dazu, dann kniet ein Mädchen und entzündet eine Kerze. Dann geht’s los.

Sie treten alle heran, lesen, reden. Schrecklich. Bestimmt die Mafia. Das war ein Zeichen, der wollte keine Schutzgelder zahlen. Mein Kneiper auch nicht, dem haben die dann jede Nacht die Scheiben eingedonnert, jetzt zahlt er. Wenn’s man bei Scheiben bleibt – hier, siehste ja. Mein Cousin sagt, der war Zuhälter. Dein Cousin spinnt, Medizin hat der Mann studiert. Is ja jut, ick hab’ hier immer mein’ Döner gekooft. Da, das Phantombild erinnert mich ... erinnert mich sehr ... nein, kann ich nicht sagen, vielleicht versündigt man sich. Das darf nicht, darf nicht wahr sein, dachten wir als erstes. Die Gewalt ist doch vor der Haustür. Ick merk’ nischt von Jewalt, ick trau mir abends einfach nicht mehr raus. Bei uns in Treptow schießen sie in die Fenster und zünden die Müllhäuser an.

Wer? Visitenkarten hinterlegen die Herren nicht, aber wir denken in die richtige Richtung. Man sieht ja noch die roten Flecke in dem Kies. Ihn kannten wir ja nun. Ansonsten registriert man ja die vielen Morde wie alltäglich. Von nischt kommt nischt. Die so was machen, die haben wir doch großgezogen. Die ganze Gewalt im Fernsehen. Die Ollen sind doch selber schuld, hier haste Geld, Videospiel, halt’s Maul, geh runter, ich will fernsehgucken. Wenn das hier am Tage passiert wäre, hätte auch keiner eingegriffen. Wirst ja dauernd angemacht: siehst’n aus, läufst’n rum, Linker, Rechter. Ick bin Mitte. Ick bin Friedrichshain. Wir hatten zu Ostzeiten auch nicht viel Perspektive, aber rechts werden, das war ja wohl das Hinterletzte. Selbstverständlich unterstützen wir die Lichterkette. Dann sehen wir wenigstens mal, wie viele wir sind. Und diese, diese – Menschen sehen, was die Mehrheit eigentlich denkt. Und die Politiker! Jawoll, genau! Wo ist der Staat, wenn man ihn braucht? Alle Parteien verbieten, alle rechten, mein’ ich. CDU gleich mit. Das kannste dem Kohl nicht zumuten.

Wie im alten Staat, so schaffen auch im neuen nicht nur Fakten Realität. Das Image tut sein Teil, die Simulation, der Codex Konformität. Nicht die Zahlen machen Masse, sondern die Tendenz: Wer rückt vor? Wer und was marschiert? Noch hütet die schweigende Mehrheit ihr Selbstgefühl. Noch gilt Kanzlers Wort vom deutschen, dem ausländerfreundlichen Land. Aber Anstand ist keine politische Identität, wenn Angst sie umkreist. Vorauseilende Rechtsunsicherheit schafft Staatsunsicherheit, und mit dem Ableben unsterblicher Grundsätze ist ja der Osten bestens vertraut. Allzu viele scheinen bereit, Schwächeren geschehen zu lassen, was man für sich selbst befürchtet – als gäbe es ein festes Quantum Unheil in der Welt. Es kommt eine Kugel geflogen. Gilt sie dir, dann nicht mir. Es kommen zwei Kugeln geflogen. Dann mach’ ich die Tür fest zu.

Sesam, öffne dich. Privatissimum Volk: Was Nation sei, entscheidet sich in den Stuben. Die Nacht ist schwarz, Herr Bötel liest. Nein, er sieht fern, der Biedermann, denn auch am Abend nach dem Mord an Gamal Hegab bringt das ZDF einen Film mit Hans Albers: "Große Freiheit Nr. 7", von der Ufa gedreht, als Deutschland fast zu Ende war. Draußen fielen Bomben, drinnen, vor Hamburgs heiler Kulisse, spielte der Hannes Schifferklavier, verlor die Gisa an den jüngeren Rivalen, litt friedlich wilde Pein und gab sich in den Schoß von Mutter Meer. Auf, Matrosen, oh6. Einmal muß es vorbei sein. Augen zu und durch.

Play it again, Hans. Denn morgen muß man selbst hinaus in den dunklen, nieselnden Dezember, Kragen hoch und keinen Schirm dabei. Es pfeift der Wind. Wo bleibt der Bus? "Mutti", sagt die Maus mit den Rattenschwänzen, "Mutti, guck mal, die Katze." – "Sollst da nicht hingucken, hab’ ich dir schon so oft gesagt." – "Mutti, die Katze ist weg." – "Na siehste, da ist sie bestimmt weitergelaufen." – "Aber der Kopf war doch ab."